In Magdeburg rast ein Autofahrer in einen Weihnachtsmarkt, in Aschaffenburg tötet ein 28-jähriger Afghane ein Kind und einen Mann mit einem Messer, in München lenkt ein junger Mann sein Auto mitten in eine Demonstration. Auch hier sterben Menschen. Nach diesen Erlebnissen bleiben die Menschen in den Städten schockiert, verzweifelt und fassungslos zurück. Was folgt, sind meistens Gedenkfeiern in der Kirche.
Warum eigentlich immer in der Kirche, fragte kürzlich die taz. In einer säkularen und pluralistischen Gesellschaft dränge sich die Frage auf, ob es nicht Aufgabe des Staates sein muss, säkulare Räume für Trauer zu nutzen. Weiter heißt es, kollektive christliche Trauergottesdienste seien respektlos gegenüber den Opfern.
Kirche bietet Raum für Sprachlosigkeit nach Anschlägen
Das sieht Sönke Lorberg-Fehring, Beauftragter für Christlich-Islamischen Dialog in der Nordkirche, nicht so. Solange auch nicht-christliche Menschen mit in das Gedenken einbezogen werden, spricht für ihn nichts dagegen. Der Pastor sieht sogar Vorteile: “Die Anschläge werfen die ganz große Frage in uns auf: Wie kann solches Leid in der Welt stattfinden.” Genau hier könne Kirche sowie andere Religionsgemeinschaften ein großer Gewinn sein. Und zwar gerade in der Antwortlosigkeit auf diese Frage. Sprachlosigkeit sei in solchen Situationen deutlich angemessener als vorschnelle Antworten, die meist von Politikerinnen und Politiker kommen, wie Lorberg-Fehring sagt. In den Stunden und Tagen nach einem Anschlag sei es das Wichtigste, dem Schmerz Raum zu geben.

Grundsätzlich müssten Gedenkfeiern nicht zwangsläufig in christlichen Kirchen stattfinden. Auch Moscheen, Synagogen und Tempel könnten ein Ort für die Trauer sein. Allerdings hätten die Kirchen nach wie vor die größte Organisationskraft, erklärt der Pastor: “Wir haben oft die größten Räume, die meisten hauptamtlichen Mitarbeiter und die finanziellen Mittel, um solche Feiern zu ermöglichen.”
In muslimischen Gemeinden etwa würde die meiste Arbeit über Ehrenamtliche laufen. Außerdem gebe es im sunnitischen Islam, der in Deutschland die Mehrheit stellt, keine so starke Tradition von öffentlicher Trauer. Jüdische Gemeinden hätten oftmals wenige Mitglieder. “Leider”, betont Lorberg-Fehring und ergänzt: “Ich habe auch noch nie gehört, dass sich Muslime oder Juden darüber beschweren, dass öffentliche Trauerfeiern immer in der Kirche stattfinden.”
Alle Religionsgemeinschaften sollten an Planung für Gedenkfeier beteiligt sein
Im Gegenteil: Seiner Erfahrung nach seien alle erleichtert, wenn die Kirchen ihre Räume für alle öffnen. Einzige und zentrale Voraussetzung sei es, dass alle Religionsvertreterinnen und Vertreter von Anfang an in die Planungen mit einbezogen werden.
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Ein Beispiel dafür war der ökumenische Gottesdienst nach der Amokfahrt in München. Dort waren auch Vertreterinnen und Vertreter anderer Religionsgemeinschaften beteiligt. Der Penzberger Imam Benjamin Idriz erinnerte auf den Altarstufen stehend an die beiden Todesopfer der Gewalttat. Der Rabbiner Shmuel Aharon Brodman von der Israelitische Kultusgemeinde München sang das jüdische Totengebet, der griechisch-orthodoxe Archimandrit Georgis Siomos sprach die Fürbitten.
Auch nach der Tat in Aschaffenburg sprach ein Imam der örtlichen Ahmadiyya Muslim Gemeinde bei der Trauerfeier in der Stiftskirche als muslimischer Vertreter.
Gemeinsame Gedenkfeiern als starkes Zeichen der Ökumene
Sönke Lorberg-Fehring wünscht sich kreative Lösungen fürs gemeinsame Gedenken. Denn Schwierigkeiten gebe es durchaus. Zum Beispiel, wenn orthodoxe Jüdinnen und Juden keine Kirche betreten wollen. Dann müsse man nach anderen Orten suchen. Als Beispiel nennt er in Hamburg das Mahnmal für Kriegstote vor dem Rathaus. Oder man würde sich zunächst vor der Kirche treffen und erst später, für einen zweiten Teil der Veranstaltung, in die Kirche gehen: “Die Orte sind zweitrangig, die Zusammenarbeit ist wichtiger”, so Lorberg-Fehring.
Das Zusammenstehen in der Trauer sei ein wichtiges Zeichen als Anerkennung der Realität von Terror, sagt der Islambeauftragte: “Terror gilt nicht einer bestimmten Gruppe.” Das hätten die jüngsten Anschläge gezeigt. Schließlich war etwa in Aschaffenburg eines der Opfer marokkanischer Abstammung. Gemeinsame Gedenkfeiern seien also generell ein starkes Signal der Ökumene.