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Fachkräftemangel in Behindertenhilfe: Experte fordert neue Ausbildung

Massiver Fachkräftemangel betrifft in Hessen mittlerweile alle Arbeitsfelder der Behindertenhilfe. Um dem Trend entgegenzuwirken, benötige das Land eine Ausbildungsreform, forderte der pädagogische Vorstand der Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD), Thorsten Hinz, in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das Konzept der Ausbildung zum Heilerziehungspflegehelfer (HEPH) analog zu Alten- und Krankenpflegehelfern müsse auch in Hessen eingeführt werden. In Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen habe es sich bereits bewährt. „Diese Bundesländer zeigen, dass es durch die HEPH-Ausbildung eine Trendwende bei der Suche nach Fachkräften gibt“, sagte Hinz.

Das hessische Kultusministerium teilte auf Anfrage mit, dass es bislang „keine konkreten Pläne“ dazu gebe, diese Ausbildung einzuführen. Das Ministerium verwies darauf, dass es in Hessen bereits die Erstausbildung zum „Staatlich geprüften Sozialassistenten“ gibt. „Die Schülerzahlen sind in den letzten Jahren leicht angestiegen, insoweit handelt es sich um ein erfolgreiches Angebot“, so das Ministerium. Für den Zeitraum 2024/2025 meldeten sich demnach 3.589 Schülerinnen und Schüler, 2023/2024 waren es 3.475 und 2022/2023 insgesamt 3.286. Einer der Schwerpunkte der Sozialassistentenausbildung sei die „Sozialpflege“, eine Weiterentwicklung werde geprüft.

„Die Sozialassistenz ist ein wichtiges, aber auch breites Ausbildungsbild, das nicht die Bedarfe der Behindertenhilfe in ihrer Komplexität umfasst“, betonte dagegen der Vorstand des Sozialunternehmens mit Sitz in Mühltal bei Darmstadt. Von den qualifizierten Sozialassistenten gingen nur wenige in die Behindertenhilfe.

Hinzu komme, dass die Heilerziehungspflege (HEP) selbst kein Erstausbildungsberuf, sondern eine Weiterqualifizierung sei. Voraussetzung dafür sei zum Beispiel die Sozialassistenz, die zwei Jahre dauere, sagte Hinz. Dazu kämen drei Jahre HEP-Qualifizierung und eventuelle Vorpraktika. Unter Umständen dauere es also sechs Jahre, bis man eine anerkannte Fachkraft in der Heilerziehungspflege sei. Ein ausgebildeter HEP übernehme vermehrt die Rolle einer Leitungskraft. „Uns fehlen zunehmend die Mitarbeitenden, die 365 Tage im Jahr zur Verfügung stehen und sich auf dieses Berufsbild einlassen“, hob Hinz hervor.

Die Ausbildung zum HEP-Helfer könne mit ihrem niedrigschwelligen Zugang Abhilfe schaffen. Ein Bündnis aus mehr als einem Dutzend sozialer Träger und Verbände der Freien Wohlfahrtspflege in Hessen, zu dem die Nieder-Ramstädter Diakonie gehört, hatte deshalb im Februar gefordert, die Ausbildung einzuführen. Diese könne an bestehende HEP-Schulen angedockt werden und sei deshalb kostengünstig umsetzbar. Die Ausbildung solle junge Menschen, Quereinsteiger und ausländische Fachkräfte ansprechen. Währenddessen könne auch ein Realschulabschluss nachträglich erworben werden. Je nach Modell könnten Absolventen schon innerhalb eines Jahres qualifizierte Hilfskräfte werden.