Designerinnen wie Meriem Lebdiri haben Modest Fashion in Deutschland salonfähig gemacht. Der Stil spricht inzwischen viele an – nicht nur Musliminnen, sondern auch viele andere Frauen setzen bei Kleidung auf Zurückhaltung.
Ärmel, die bis zum Handgelenk reichen und Kleider, die den Fußknöchel verdecken: In Kamile Erens “Minel Boutique” in Köln gibt es Kleidung, die den Körper verhüllt. Traditionelle Gewänder für streng gläubige Musliminnen hängen dort genauso wie leicht taillierte Kleider mit modisch-buntem Aufdruck. Längst zählen nicht mehr nur gläubige Musliminnen zu den Kunden der 55-Jährigen. “Es kommen auch viele deutsche Frauen, die gerne leichte und weite Kleidung tragen”, sagt Eren. Zum Beispiel einen sogenannten Ferace, einen langen Mantel, der fast bis zum Boden reichen kann.
Sich bedeckt zu kleiden und nur wenig Haut und Körperform zu zeigen, ist in den vergangenen Jahren verstärkt Teil des Mainstreams geworden – als sogenannte Modest Fashion (zu deutsch: bescheidene Mode). Der schwedische Bekleidungsriese H&M hat etwa schon 2018 eine Frühjahrskollektion herausgebracht, die von Modest Fashion inspiriert war, die Mode-Zeitschrift “Vogue” erklärte die “Lust an der Verhüllung” im gleichen Jahr zum “globalen Mode-Phänomen”, in den Sozialen Netzwerken wie Instagram teilen Influencerinnen 2025 Styling-Ideen für Modest Fashion.
Frauen aus den verschiedensten Religionsgemeinschaften würden sich weltweit seit Jahrhunderten bedeckt kleiden, sagt Reina Lewis, eine Expertin für Modest Fashion. Lewis ist Professorin für Kulturwissenschaften am London College of Fashion und Autorin des Buches “Muslim Fashion: Contemporary Style Cultures”. Der Nischenmarkt der bedeckenden, aber modischen Modest Fashion sei Anfang der 2000er Jahre entstanden. “Er wurde durch die Entwicklung des elektronischen Handels begünstigt”, sagt Lewis im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Die “kreativen” Pionierinnen seien in vielen Fällen Frauen aus religiösen Gemeinschaften gewesen, die in den Geschäften nicht das finden konnten, was sie wollten oder was sie für ihre Töchter im Teenageralter brauchten. “Also begannen sie selbst mit dem Design und der Herstellung.”
So wie etwa Meriem Lebdiri. Die Modedesignerin aus Mannheim mit algerischen Wurzeln gilt als Wegbereiterin der Modest Fashion in Deutschland, ihr erstes Modelabel gründete sie 2012. Schon als Kind entwarf sie Kleidung, die ihr selbst gefiel – und mit der sie sich selbst identifizieren konnte. Oft hat sie in Medien betont, Mode für Frauen machen wollen, die sich mehr Stoff wünschen – egal ob Musliminnen, Jüdinnen oder Christinnen oder Frauen, die keinem Glauben besonders anhängen.
Lewis arbeitet seit rund zwei Jahrzehnten zu verhüllender Mode, sie sagt: “Mir haben Frauen aus religiösen Gemeinschaften oft gesagt, dass die Modeindustrie ihre Bedürfnisse nicht erfüllt.” Die frühen Modebloggerinnen und heutigen Influencerinnen hätten den Markt für Modest Fashion vergrößert, Stilberatung angeboten uns sich auch über religiöse Grenzen hinweg vernetzt. “Das Internet bot Möglichkeiten für den religionsübergreifenden Handel und Dialog”, so die Professorin.
Ein Außenstehender könne dabei gar nicht immer erkennen, ob sich jemand verhüllend kleide oder nicht. “Das hängt auch davon ab, was der Rest der Welt trägt und was gerade in der Mode ist.” Weite Hosen und überlange T-Shirts oder Blusen können einerseits Mainstream-Mode als auch Modest Fashion sein. Für Kamile Eren aus Köln zählt, dass alles bedeckt ist, die Figur nicht betont wird und Frauen darin gut beten können. “Die am leichtesten sichtbare Gruppe sind Musliminnen, die ihr Haar bedecken”, sagt Lewis. Sie würden besonders im nicht-muslimischen Kontexten sichtbar.
Kamile Eren freut sich darüber, dass nicht nur Musliminnen in ihrem Geschäft fündig werden. “Warum soll die Kleidung nur für eine Gruppe sein”, sagt sie. Alle kämen besser miteinander klar, wenn sie sich austauschten und gegenseitig inspirierten. Und wenn Deutsche vor allem keine Angst vor Musliminnen hätten, die sich eben verhüllter kleiden würden.
Sie berichtet von einem Besuch beim Arzt; in dessen Wartezimmer sei sie sehr argwöhnisch von einer älteren Frau gemustert worden. “Von oben bis unten”, erinnert sich Eren, sie nennt das “ekliges Gucken”. Die 55-Jährige alleinerziehende Mutter trug Kopftuch und hatte demnach ein schwarzes langes Gewand an – worin sie sich persönlich sehr wohl fühle.
Ihrer Erfahrung nach wollen sich inzwischen mehr junge Frauen bedeckt kleiden, “weil es jetzt gut aussieht”, sagt Eren. Die Londoner Mode-Professorin Lewis erklärt, dass die großen Modemarken vor rund zehn Jahren, 2014, bemerkt hätten, dass es einen Markt für Modest Fashion gibt. “Sie stellten sich darauf ein und konzentrierten sich in erster Linie auf die muslimische Bevölkerung weltweit.” Diese wachse und sei ein wertvolles Verbrauchersegment. “Ob sich das fortsetzt und Modest Fashion zum Mainstream wird, so dass man in den großen Geschäften immer ein oder zwei Partykleider mit Ärmeln sehen wird oder nicht, das bleibt abzuwarten”, sagt Lewis.
Die meisten Modest-Fashion-Marken wiederum hätten festgestellt, dass sowohl Frauen aus anderen Glaubensrichtungen wie auch säkulare Frauen zu ihren Kundinnen zählten. In Erens Boutique kommen manche Nicht-Muslime auch aus reiner Neugier; manche kleiden sich hier aber auch ein, bevor sie in den Urlaub in ein arabisches Land fahren, manche, bevor sie zu einer Geschäftsreise dorthin aufbrechen. “Die kaufen hier auch Kopftuch”, sagt Eren. Spaß macht es ihr besonders, zum Islam konvertierte Frauen einzudecken. “Die kaufen hier das erste Mal ihre Kleidung, das ist etwas Besonderes”, sagt die Geschäftsinhaberin.