In Italien hat “M. Son of the Century” über den Aufstieg des Faschismus für Aufruhr gesorgt. Hierzulande fehlt der Serie noch ein Sender. Hoffentlich nicht allzu lange – der Achtteiler ist ein umwerfendes Erlebnis.
Die vierte Wand ist ein beliebter Winkelzug findiger Filmemacher, das Publikum scheinbar in ihre Erzählung einzubinden, ohne es reinzulassen. Wenn Darsteller direkt in die Kamera sprechen, entsteht so gleichermaßen Distanz und Nähe, Tuchfühlung und Abgrenzung. Ein dramaturgisches Spielchen, das selten tiefere Ursachen hat – es sei denn, wer da acht Teile lang unaufhörlich durch den Bildschirm redet, ist die Hauptfigur einer italienischen Serie auf der Suche nach deutschem Asyl: “M. Son of the Century”.
M wie Mussolini. Gleich beim ersten Auftritt lässt er uns schließlich wissen, woran wir unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkriegs beim künftigen Duce sind. “Ich bin wie ein Tier, das kommende Zeiten riecht”, sagt Benito Mussolini drei Jahre vor seiner – brutal errungenen, aber letztlich legalen – Machtergreifung. Dabei läuft Italiens Diktator in spe durch geschlossene Reihen singender Faschisten. Und wie sie alle gemeinsam acht Folgen a 50 Minuten ihr Land und dessen politische Ordnung zertrümmern, kann man das Durchbrechen der vierten Wand nur so deuten: als Warnung.
Das weiß auch Joe Wright. Ursprünglich hatte der britische Regisseur, geschult durch Biopics von Anna Karenina bis Winston Churchill, sein Mussolini-Porträt zwar “gar nicht als Kommentar auf unsere Zeit konzipiert”, wie er bei der deutschen Premiere in Berlin erzählte. Mehr als fünf Jahre und diverse Rechtspopulisten in Regierungsverantwortung nach der Grundsteinlegung dieses beispiellosen Stücks Historytainment aber “ist es das natürlich doch”. Ein Statement. Ein Weckruf. Ein Alarmsignal. Umso wichtiger, dass es bald auch hierzulande hörbar wird.
Wenige Wochen, nachdem “M. Il figlio del secolo” in Italien für Furore, ja Aufruhr gesorgt hatte, betreibt die Produktionsfirma Fremantle nun dort aufwendige PR, wo Mussolinis Herrschaftsform einst ungleich grausamer zur Perfektion gebracht wurde. Denn hierzulande hat die Serie noch keinen Abnehmer. Selbst Sky, wo sie im Herkunftsland lief, hält sich bedeckt. “Wir sind in Verhandlungen”, berichten die Macher lediglich im Gespräch mit dem KNA-Mediendienst.
Dass es schwerig ist, wirkt angesichts lautstarker Kritik in Italien, die der Serie “Banalisierung des Bösen” vorwarf, durchaus nachvollziehbar – und doch seltsam. Schließlich ist gerade das parodistische Element daran ebenso couragiert wie Luca Marinellis fiebriger Mussolini. Und Hunderte Hitler-Fiktionen oder Dokumentationen belegen seit Jahrzehnten Deutschlands Bedarf nach dem Thrill des faschistischen Zivilisationsbruchs.
Die Zuschauer der Deutschland-Premiere kriegen jedenfalls eine Revolution geboten. Und damit ist nicht nur die faschistische gemeint. Was Joe Wright – 21 Jahre nach seinem Durchbruch mit der Romanverfilmung “Stolz & Vorurteil” – in sechs Monaten in der legendären Filmstadt Cinecitta bei Rom geschaffen hat, stellt fast alles auf den Kopf, was Biopics sonst liefern. Mit diabolischem Blick erweckt Superstar Marinelli (“Martin Eden”) den Duce zum Leben, als der noch kein Führer ohne Volk war, sondern Chef einer mäßig erfolgreichen Tageszeitung und maßlos brutaler Hooligans.
Filmästhetisch zwischen Leni Riefenstahl und David Lynch, “Panzerkreuzer Potemkin” oder “Natural Born Killers” mit einer Prise “Babylon Berlin”, beobachtet man den Massenverführer zwar beim Marsch durch die Institutionen. Auf akribisch recherchierter Grundlage von Antonio Scuratis gleichnamigem Bestseller, macht Wright aus “M. Sohn des Jahrhunderts” zumindest in den ersten vier Folgen aber eine Blut-, Schweiß- und Tränenorgie am Rand des Erträglichen. Und sie wird gewiss nicht zugänglicher, wenn sie der Chemical Brother Tom Rowlands mit fiebrigem Techno untermalt.
Mit seinen Bildern macht Wrights Kameramann Seamus McGarvey seinen “Inbegriff toxischer Maskulinität, die sich im Faschismus vollendet” geradezu körperlich spürbar. Und doch ist der “politische Horrorfilm” vor allem ein politisches Fanal. Die Analogien zu heute sind unübersehbar. Wenn Mussolini “wir brauchen keine Ordnung, wir brauchen Chaos, Angst und Hass” ruft, könnten es auch Donald Trump oder Elon Musk sein. Wenn er kurz vorm Absturz mithilfe großbürgerlicher Spenden und aufwiegelnder Medien erstmals Parlamentssitze erobert, blicken rechtspopulistische Autokraten von Orban bis Meloni vom Bildschirm.
Dass il Duce am Schalthebel jener demokratischen Apparate, die er beseitigen will, allen Ernstes “make Italy great again” sagt, mag vielleicht ein bisschen drüber sein. Wenn der Regisseur bei der Deutschlandpremiere seiner Serie dort, wo ihre Titelfigur den größten Einfluss außerhalb Italiens hatte, erzählt, “ich habe in den Achtzigern auf Demos gegen Margret Thatcher Polizisten als Faschisten beschimpft, ohne zu wissen, was genau das ist” und hinzufügt: “Dank unserer Serie weiß ich es besser”, spricht der Nachsatz Bände.