Viele suchen im Internet nach der großen Liebe. Rund jeder Fünfte hat dabei schon Erfahrung mit „Ghosting“ gemacht: Der Date-Partner meldet sich nicht mehr, verschwindet wie ein Gespenst. Doch es hinterlässt Spuren.
Gut zwei Wochen schwebt Anne F. im siebten Himmel. Einen Tag vor Weihnachten 2019 lernt sie Mario (Name geändert) in der Dating-App „Tinder“ kennen. Schnell tauschen sie Nummern aus, telefonieren und schreiben sich jeden Tag. „Er war wie mein Ebenbild“, sagt die 32-Jährige aus Bonn, wenn sie an die Zeit zurückdenkt. Dann, nach zwei Treffen, taucht Mario plötzlich ab. Ihre WhatsApp-Nachrichten bleiben ungelesen, die Sprachmails ungehört. Es ist, als sei er niemals da gewesen.
Eine schmerzhafte Erfahrung von „Ghosting“ – dem plötzlichen Kontaktabbruch und Verschwinden eines Menschen. Anrufe oder Nachrichten laufen ins Leere, als hätte man es mit einem Gespenst zu tun. Der Begriff „Ghosting“ kommt aus den USA. Seit 2015 steht er im Collins, einem der wichtigen englischen Wörterbücher. Die psychologische Partnervermittlung „Gleichklang.de“ hat im vergangenen Jahr Mitglieder zu „Ghosting“ befragt. Es zeigte sich, dass fast jedes dritte Mitglied bereits „Ghosting“ erlebt hat. Jedes sechste Mitglied wurde selbst mindestens einmal in der Vergangenheit zum „Ghost“.
Einige solcher Geschichten hat auch die Journalistin Tina Soliman in einem Buch zusammengetragen. Dafür hat sie mit Hunderten Betroffenen gesprochen. Häufig „ghosten“ Menschen in der Anfangsphase einer Beziehung, wie die Autorin berichtet, und sie ergänzt: „Paradoxerweise gerade dann, wenn die Begegnung vielversprechend war.“ Das könne schnell überfordern, erklärt die 56-Jährige. Oftmals steckten hinter dem gespenstischen Verschwinden aber auch fehlende Lust, Neugier und Geduld oder einfach Feigheit.
Auch wenn es die klassische Funkstille bereits vor dem Internet-Zeitalter gab, hängt „Ghosting“ klar mit dem Online-Dating zusammen, wie Soliman sagt. „Was mit einem Wisch beginnt, endet auch mit einem Wisch“, stellt sie klar und meint: „Der Kontaktabbruch ohne Erklärung ist vom schambehafteten Unfall zur achselzuckend hingenommenen Normalität geworden.“
Die Auswahl an potenziellen Partnern auf digitalen Kennenlern-Börsen wie „Tinder“ und Co. sei so groß, dass sich viele nicht mehr die Mühe eines Abschieds machten. Betroffene fühlten sich tief verletzt und massiv verunsichert, betont die Redakteurin. Viele trauten sich nicht mehr in Partnerschaften.
Quälend für Betroffene auch die Frage: „Was habe ich falsch gemacht?“, wie Elena-Katharina Sohn weiß. Die 40-Jährige hat in Berlin „Die Liebeskümmerer“ gegründet – ein Online-Angebot für Liebeskummer-Geplagte. Anfragen wegen „Ghostings“ hätten in den vergangenen Jahren zugenommen, berichtet Sohn. Besonders schlimm für die Opfer sei der Gedanke: „Ich bin es meinem Gegenüber nicht mal wert, vernünftig behandelt zu werden.“ Die Psychologin rät ihren Kunden dazu, Bekanntschaften langsam anzugehen, statt bereits nach zwei Wochen von der großen Liebe zu sprechen. Auch „Geister“ selbst melden sich bei Sohn und ihrem Team. Die meisten hätten ein schlechtes Gewissen, erzählt die Beziehungsexpertin.