Die christliche Rechte in den USA versucht, sich Dietrich Bonhoeffer kulturell anzueignen. Dazu wird das Erbe des Nazi-Gegners bewusst verdreht. Ungewollt Schützenhilfe leistet ein Film, der jetzt in Deutschland startet.
Auf dem Werbeplakat zum US-Kinostart im letzten November hält Dietrich Bonhoeffer eine Pistole in der Hand. Daneben stehen die reißerischen Worte: “Pastor, Spy, Assassin” (Pastor, Spion, Attentäter). US-Regisseur Todd Komarnicki war über diese Art von PR für seinen Film überhaupt nicht glücklich. Beides rückte ihn in den Dunstkreis christlicher Nationalisten in den USA, die seit einiger Zeit versuchen, Bonhoeffer zu einem Kronzeugen gegen die liberale Demokratie umzudeuten.
Der intellektuelle Drahtzieher dahinter ist der evangelikale Prediger Eric Metaxas, der 2009 ein Buch über den mutigen Lutheraner geschrieben hatte mit dem Titel “Bonhoeffer: Pastor, Martyr, Prophet, Spy.” Beim Nationalen Gebetsfrühstück 2012 hatte Metaxas dann den NS-Widerstandskämpfer gegen die politischen Eliten der USA in Stellung gebracht. Dabei verglich er Abtreibung mit dem Holocaust und appellierte dann in Anwesenheit des damaligen Präsidenten Barack Obama an seine Zuhörer: “Das ist ein Bonhoeffer-Moment”.
Diese Verdrehung gehört seitdem zu Metaxas Standard-Repertoire. Der evangelikale Prediger entwickelte sich vom zurückhaltenden Trump-Unterstützer 2016 zum glühenden MAGA-Verfechter (“Make America Great Again”) und warb immer massiver bei seinen evangelikalen Weggefährten für den wenig frommen Milliardär.
Nach Trumps Wahlniederlage 2020 radikalisierte sich der Prediger weiter. Seiner verdrehten Logik weiter folgend deutete Metaxas auch den Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 unter Berufung auf Bonhoeffer als Akt des Widerstands. Und vor den Wahlen im vergangenen Jahr produzierte er mit Unterstützung eines Netzwerks christlich-nationalistischer Organisationen einen “Dokumentarfilm” unter dem Titel “Letter to the American Church”. Darin machte er Bonhoeffer endgültig zum Bannerträger der MAGA-Bewegung.
Liberale und die Demokratische Partei werden dabei mit den Nationalsozialisten gleichgesetzt, gegen die Evangelikale Widerstand leisten müssten. Der deutsche Naz-Gegner habe gelehrt, “dass Christen die Verpflichtung vor Gott haben, wenn nötig politisch zu werden und eine mutige und wahrscheinlich gefährliche Haltung gegen ihre eigene Regierung einzunehmen”. Gemeint war aber nicht das NS-Unrechtsregime, sondern das Weiße Haus unter Führung des Katholiken Joe Biden.
Wie weit die Aneignung Bonhoeffers in der MAGA-Welt vorangeschritten ist, zeigt sich auch darin, dass sich Verantwortliche aus der Trump-nahen Heritage Foundation auf Bonhoeffers Ideen berufen, um ihn zum Kronzeugen für Grenzschließungen, Massendeportationen und das Ende aktiver Klimaschutzpolitik zu machen.
In diesem Kontext ist auch der glücklose Zeitpunkt des Kinostarts von Komarnickis Bonhoeffer-Film kurz nach der Wahl Donald Trumps in den USA zu sehen. In der “Süddeutschen Zeitung” wehrte sich der New Yorker Regisseur gegen den Vorwurf, mit seinem Werk zu der Propaganda-Maschine der MAGA-Welt beizutragen: “Mein Film hat nichts mit Leuten wie Eric Metaxas zu tun. Als die Bonhoeffer-Familie sich über das Filmplakat mit der Pistole in der Hand beschwert hat, fand ich: Sie haben recht.”
Die Anschuldigungen, er selbst unterstütze die Vereinnahmung Bonhoeffers durch die christliche Rechte, machen ihn nach eigenen Angaben “fassungslos”. Tatsächlich taucht die Pistole in keiner Szene in dem Film auf. Sie ist eine Übertreibung, die zu den anderen Zuspitzungen der evangelikalen Angel Studios passt. Konnte der erfahrene Regisseur das nicht wissen?
Komarnicki erklärte seine Zusammenarbeit mit Angel Studios mit den begrenzten Möglichkeiten für unabhängige Filmemacher. Für diese sei es fast unmöglich geworden, mit ihren Produktionen landesweit in die Kinos zu kommen. Die Angel Studios hätten ihm dagegen zugesichert, den Film in 2.000 US-Kinos zu zeigen. Das sei für eine freie Produktion über ein deutsches Thema mit deutschen Schauspielern sehr viel.
Auch die namhaften deutschen Darsteller des Films fühlten sich von der Vermarktung missbraucht. In einem offenen Brief distanzierten sich Jonas Dassler, Moritz Bleibtreu, August Diehl und weitere Schauspieler von der Vereinnahmung: “In der heutigen Gesellschaft schrecken Populisten und Nationalisten nicht davor zurück, die Geschichte und in diesem Fall das Vermächtnis eines ganzen Menschen für ihre unmenschliche Weltanschauung zu verdrehen.” Ausdrücklich warnten sie vor “dem Missbrauch unseres Films und des Vermächtnisses von Dietrich Bonhoeffer durch christliche Nationalisten.”
Auch im ARD-Magazin “ttt” äußerte sich Diehl besorgt über die Instrumentalisierung des Werks: “Wir werden nicht geschützt vor dem, was manche aus dem Film machen wollen.” Was damit in den USA geschehe, mache ihn traurig. Den zeitlichen Zusammenfall des US-Kinostarts mit Trumps Wiederwahl habe niemand vorhersehen können.
Die kulturelle Aneignung Bonhoeffers durch die christliche Rechte in den USA wird auch von denen scharf kritisiert, die den Pastor und sein Erbe am besten kennen: von seiner Familie, Theologen und Historikern. Tobias Korenke etwa verfolgt die Entwicklung mit Besorgnis. Das Vermächtnis seines Großonkels werde zunehmend von rechtsextremen Antidemokraten, Fremdenfeinden und religiösen Hetzern verfälscht und missbraucht.
“Niemals hätte der sich in der Nähe rechtsextremer, gewalttätiger Bewegungen gesehen”, sagte Korenke in der ARD: “Im Gegenteil hätte er genau diese Haltungen kritisiert.” Der Versuch, Bonhoeffer als Vorbild für den Kampf gegen “Wokeness, Abtreibung und Zeitgeist” darzustellen, sei eine “unfassbar zynische” Umdeutung der historischen Wahrheit.
In einer Petition der internationalen Bonhoeffer-Gesellschaft wird besonders Metaxas scharf angegangen. “Er hat die Geschichte Bonhoeffers manipuliert, um christlichen Nationalismus zu unterstützen”, heißt es dort. Die Petition warnt vor der “Verherrlichung von Gewalt und unangemessenen Analogien zwischen unserem politischen System und Nazi-Deutschland.”