Hannover. Am Ende gab es stehende Ovationen. Die rund 6.000 Zuschauer des Pop-Oratoriums "Luther" hielt es beim Tournee-Auftakt in der TUI-Arena in Hannover nicht mehr auf den Sitzen. Luther hatte das Publikum gerockt – 13 singende und tanzende Schauspieler und ein Mega-Chor mit mehr als 1.200 Sängern aus ganz Niedersachsen erzählten im Musical-Sound die Lebensgeschichte des Reformators. Viele Songs hätten das Zeug zum Ohrwurm, sagt die Reformationsbotschafterin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Margot Käßmann. "Ich bin überzeugt, einige Lieder werden neue evangelische Schlager werden."
Der Komponist Dieter Falk und der Autor Michael Kunze wollen dabei zum Reformationsjubiläum 2017 keine Heldengeschichte über Martin Luther (1483-1546) auf die Bühne bringen. "Einen Menschen mit allen Ecken und Kanten zu zeigen, war unser Ziel", sagt Falk. Der Luther des Oratoriums kennt auch viele schwache Momente. Breiten Raum nehmen die Schilderungen der Zeit und der Gegner Luthers ein. Mit viel Lust an kräftiger Sprache wettert etwa der Dominikanermönch Faber, gespielt von Andreas Wolfram, im knallroten Anzug gegen Luthers Ideen von Freiheit und eigenständigem Denken: "Sein teuflisches Gift, geronnen zu Schrift, steckt an wie die Pest."
Anspielungen auf "Fake News"
Unter dem Titel "Multiplikation" zeigen Kunze und Falk den massenweisen Verkauf von Luthers Schriften, der durch die Erfindung des Buchdrucks möglich wurde. Anklänge an die sozialen Medien von heute und die Diskussion um "Fake News" bleiben dabei nicht aus. "Dass die Lüge siegt, darf nicht geschehen", singt Luther, gespielt von Frank Winkels. Das Ablasswesen, den Ausgangspunkt von Luthers Kirchenkritik, zeigt das Ensemble als großen Trubel um Kommerz: "Bargeld und gleich – geht´s ab ins Himmelreich."
Luther in seinem schwarzen Kapuzengewand wirkt so, als sei er durch seine Schriften eher zufällig in das Ränkespiel um Geld und Macht geraten. Doch er gibt nicht klein bei. Seine Waffen sind die Wahrheit und das Wort. Das Oratorium rückt dramaturgisch seinen Auftritt vor dem Kaiser beim Reichstag in Worms 1521 in den Mittelpunkt und kostet die Spannung aus, ob der Reformator nun widerrufen wird oder nicht. "Weg mit dem Mönch", skandiert Faber. Der Reformator müsse ins Feuer.
Das Bühnenbild ist karg: eine weiße Treppe, ein Dutzend Stühle, ein paar Requisiten – das ist alles. Doch das bietet viel Platz zum Tanzen. Und aus zwölf Stühlen lassen sich wahlweise ein Bus formen, der nach Worms fährt, oder ein Scheiterhaufen aufschichten, aus dem Bühnenrauch in die Höhe quillt.