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Vor 100 Jahren starb der Anthroposoph Rudolf Steiner

Genie oder Scharlatan? Der Anthroposoph Rudolf Steiner war ein schillernder Geist. Bis heute fasziniert er die weltweite Gemeinde seiner Anhänger. Und ist umstritten wie eh und je.

Man begegnet ihm in Waldorfschulen oder homöopathischen Arztpraxen, in Demeter-Gärten und esoterischen Buchläden. “Prophet” und “Meister” nannten ihn seine Jünger, “Blender” und “Scharlatan” die Gegner. Wenige Denker seiner Zeit polarisierten so wie Rudolf Steiner. Philosophie und Religion, Pädagogik und Medizin, Architektur, Kunst, Tanz, Landwirtschaft und Sozialpolitik – quasi jeden Bereich menschlichen Lebens suchte er in seiner Weltanschauung neu zu erfinden. Steiners Vorstellung der Einheit von Mensch und Welt faszinierte in einer Epoche, in der diese Welt immer unkalkulierbarer wurde. Am 30. März vor 100 Jahren starb der Begründer der Anthroposophie. Aus Sicht von Kritikern hinterließ er viel Obskures. Doch Steiners Ideen wirken bis heute.

Er war das Kind einer Ära, in der die Menschheit mit ihren Erfindungen über sich hinauswuchs bis zur Selbstentfremdung. Steiners Geburtsort Donji Kraljevec im heutigen Kroatien, damals Teil Österreich-Ungarns, blieb Station im Leben einer Eisenbahner-Familie, die immer wieder von Bahnhof zu Bahnhof umzog. Die philosophischen Werke, die der 1861 geborene Realschüler damals verschlang, waren eine der wenigen Konstanten seiner Jugend.

In Wien studierte Steiner zunächst Ingenieurwissenschaften, wurde Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes, promovierte in Philosophie und verbrachte hernach Jahre in Weimar. In seiner “Philosophie der Freiheit” von 1894 vertrat er einen radikalen Individualismus. Demnach gab es nur eine einzige Welt, keine transzendente, jenseitige. Der Mensch könne folglich die vollkommene Erkenntnis nur in sich selber finden, nicht in göttlicher Offenbarung.

Heftig griff der Nietzsche-Verehrer das Christentum an und übernahm dessen Verachtung der Kirchen: Die Entfaltung des Starken und Freien werde von ihnen unterdrückt, weshalb die Geistlichkeit nur verzagte Herdentiere produziere. “Der Mensch”, so Steiners Überzeugung, “hat nicht den Willen eines außer ihm liegenden Wesens in der Welt, sondern seinen eigenen durchzusetzen”. Die von ihm erhoffte Universitätskarriere blieb indes aus.

In der Berliner Bohème der Jahrhundertwende kam er mit Monologen über die menschliche Freiheit und der “hypnotischen Kraft seiner dunklen Augen” (Stefan Zweig) besser an. In seinen Vorträgen vollzog Steiner bald eine abrupte Wende zur Esoterik, die in der spirituell aufgeladenen Atmosphäre der Belle Époque vor allem bessere Kreise anzog. Mancher vermutete später, dies sei für den völlig Verarmten die Ursache seiner Zäsur gewesen; Steiner selbst sprach von einem “Erweckungserlebnis” und “harten Seelenkämpfen”.

Als Mitglied der “Theosophischen Gesellschaft” erklärte er den Menschen nun als Funke der göttlich-geistigen Welt, in die er nach Reinkarnationen seines Geistes irgendwann zurückkehrt – fernöstliche Vorstellungen spielten hier eine große Rolle. In Jesus Christus sah er den “entscheidenden Heilsbringer und Zeitänderer”. Seine Christologie blieb dabei bar jeder wissenschaftlichen Methodik mystisch-vage.

Nach dem Bruch mit der TG gründete Steiner 1913 die “Anthroposophische Gesellschaft”, deren Lehre er in etlichen Schriften und Tausenden von Vorträgen europaweit immer weiter ausspann. Mittelpunkt der “Weisheit vom Menschen” bleibt die Idee, dass jener die Willenskraft zur Vervollkommnung nur in sich selbst trägt. Durch das “Mysterium von Golgotha” habe sich der Geist Jesu zwar in die Welt ausgegossen und die absolute Macht dunkler materieller Mächte gebrochen. Doch Erlösung im christlichen Sinn gibt es für den Anthroposophen nicht.

Wer das okkulte Gemisch von Zarathustra bis Paulus mit solcher Überzeugung predigte, war entweder ein begnadeter Blender oder hielt sich tatsächlich für erleuchtet. Kritiker bedachten Steiners wissenschaftlichen Anspruch mit Häme. Später erregten zudem seine hierarchischen Rassentheorien und antisemitischen Anflüge Argwohn – auch hierin war Steiner ein Kind seiner Zeit. Am 30. März 1925 starb der vom Magenkrebs Gezeichnete in seinem Schweizer Wohnort Dornach.

Die von ihm mitgegründete “Christengemeinschaft” mit einigen Tausend Mitgliedern hält bis heute an seiner Welterklärung fest. Als bedeutsamer erwies sich die anthroposophische Waldorfpädagogik. Die Idee vom ganzheitlichen Lernen, bei dem wissenschaftliche, musisch-handwerkliche und soziale Elemente im Einklang stehen sollen, lieferte sinnvolle Ansätze. Auch für die homöopathische Medizin oder den biologisch-dynamischen Landbau gilt: Wer den “Magier” entmystifiziert, stößt durchaus auf Nützliches.