„Wenn man auf dem Land aufgewachsen war, wollte man reisen“, beschreibt Michael Müller den Traum seiner Jugend. Der 21-jährige gelernte Kfz-Mechaniker bucht 1974 den billigsten Flug in Richtung Amerika – nach Barbados. Von dort geht es weiter per Frachtkahn nach Venezuela, Kolumbien und schließlich nach Ecuador. Von diesem ersten Abenteuer besitzt der heute 71-Jährige kein einziges Foto: Im bolivianischen Cartagena entreißt ihm jemand seine Tasche, Kamera und Filme sind weg.
„Reisen war damals gefährlich und ist es heute auch“, sagt Müller, „aber heute sind die Leute aufgeklärter.“ In manchen Städten Ecuadors, die er als junger Mann besichtigt hat, würde Müller heute keinen Fuß mehr setzen. In Guayaquil seien die romantischen Straßencafés von damals verschwunden. Vor Reisen in die Hafenstadt wird gewarnt.
50 Jahre später sitzt Müller, immer noch lockige Haare auf dem Kopf, in seinem Büro mit großen Fenstern und Glasschiebetüren in einem ehemaligen Industriegebäude und erinnert sich an diese Reise, mit der alles begann. Als die 2.000 Mark, die Müller für seine Fahrt auf unbestimmte Zeit zur Verfügung hatte, zur Neige gehen, sucht er sich Jobs bei deutschen Firmen in Ecuador. Er repariert Mähdrescher und Traktoren und verdient sich so etwas für weitere Trips.
Bis da hat Müller niemals einen Reiseführer in der Tasche. Er habe gar nicht gewusst, dass es das South America Travel Book gab, sagt er. Aber in einem „Gringo“-Hotel in Quito trifft er Martin Velbinger, der bereits Bücher für individuell Reisende herausgebracht hat. Er spannt Müller für Recherchen in Ecuador ein und der kommt auf den Geschmack.
Seinen ersten eigenen Reiseführer, den ersten Band der Müller-Reihe, schreibt der Franke über Portugal, dem Land, in dem damals die linke Szene einen „fleißigen Polit-Tourismus pflegte“. Es gab „billiges Bier, billige Zigaretten und Rotwein sowieso“. In Portugal hat Müller heute einen zweiten Wohnsitz und sein Bruder führt eine Hazienda.
Wie Velbinger, der für seine Griechenland-Führer bekannt ist, liefert auch Müller „Reise-Tipps“, warnt vor Touristenfallen oder schildert den schönsten Badestrand. Er und nach und nach angeheuerte Autoren loben gute Hotels oder beschreiben einheimische Spezialitäten wie „Tripa – eine Art Kesselfleisch mit schwarzen Bohnen“. „Wir wollten nicht nur die Kirche, sondern das Flair beschreiben“, sagt der Verleger. Meilenweit hebt sich seine Sprache von dem ab, wie Kunsthistoriker etwa im Dumont-Führer oder bei Grieben penibel jeden Pilaster eines Palastes oder Altäre in gotischen Kirchen ausmalen.
Der gute Reisejournalist schreibt locker, mit kurzen Sätzen. „Man muss schnell ein Bild im Hirn des Lesers erzeugen, das seine Tagesplanung erleichtert.“ Seine ersten Reiseführer aus Südfrankreich, Portugal oder der Toskana produziert Müller mit einfachen Mitteln. Die Texte schreibt er mit einer Kugelkopfschreibmaschine, die Zeichnungen eines Grafikers von Karten, Landschaften oder auch mal eines Papageis oder einer Nixe wurden per Klebeumbruch eingefügt. Fotos enthalten die ersten Ausgaben nicht. Sie wirken damit ein wenig wie damalige Schülerzeitungen.
Portugal oder die Toskana erkundet der junge Reiseführer-Verleger mit dem Bus oder trampt, denn ein Auto hat er noch nicht. Das war ein umweltfreundlicher Tourismus, dem er in neuester Zeit immer wieder begegnet. Gerade in Portugal fahren Urlauber heute auch wieder längere Strecken mit der Bahn, stellt Müller fest.
Kritisch sieht der Reiseexperte Kurzreisen „für zwei Tage nach Porto, übers Wochenende nach Rom, und das vier, fünf Mal im Jahr – das ist schon belastend fürs Klima“. Er würde sich wünschen, dass sich Urlauber wie früher Zeit nehmen könnten: für zwei Wochen in einer Pension in der Fränkischen Schweiz oder eine Entdeckungstour ins weniger besuchte strukturschwache Nordportugal, schlägt er vor.
Er selbst würde gerne noch einen Reiseführer für Borneo schreiben, denn in Asien fehle ihm noch das ein oder andere Ziel. „Das wär schon schön, aber ich weiß, dass es nicht dazu kommen wird, weil hier im Verlag so viel zu tun ist“, bekennt er, noch nicht an die Rente zu denken. Er will die digitalen Angebote voranbringen. Die Softwareentwicklung für Apps ist nach Müllers Meinung überlebenswichtig für die Reiseführer. „Google und Co sind unser größter Konkurrent, die Suchmaschinen und die KI werden immer ausgefeilter.“ Dennoch greifen die Käufer noch nicht so häufig zur App, wie es sich Müller wünscht. „Der deutsche Buchleser ist konservativ.“
Am 14. Februar erhält Michael Müller den Ehrenpreis 2025 der Vereinigung Deutscher Reisejournalisten (VDRJ) für „hervorragende Leistungen im Tourismus“. Der Preis freut ihn, weil er von Autoren kommt. „Auch wenn man selbst das Konto dick überzogen hatte“, sei man für die Reisejournalisten als Verleger lange der Ausbeuter gewesen. „Ich finde das ganz nett, dass jetzt der Ausbeuter von seinen Ausgebeuteten einen Preis verliehen bekommt“, sagt er lachend. (0443/09.02.2025)