Die Evangelische Landeskirche Anhalts steht in den kommenden Jahren offenbar vor größeren Veränderungen. In einer Diskussion auf der Frühjahrstagung der Landessynode am Freitag in Köthen riet der Heidelberger Theologe Steffen Bauer der Landeskirche daher zu Reformen.
Bauer rief die Mitglieder des Kirchenparlaments dazu auf, neue Formen des kirchlichen Lebens zu wagen. Kirchenentwicklung sehe er als „Kirche mit den Menschen“ und „für die Menschen“, sagte der Theologe in einer Diskussionsrunde.
Es gehe nicht darum, bewährte Formen des kirchlichen Lebens wie Sonntagsgottesdienste aufzugeben. Aber neue Formen des Aufbruchs müssten hinzukommen. Als Beispiele nannte er die Initiative „einfach heiraten“, eine rund 20-minütige kirchliche Hochzeitsfeier für Kurzentschlossene. Diese werde von den Landeskirchen in Bayern sowie in Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck mit gutem Erfolg angeboten.
Er erwähnte zudem ein Beispiel aus Pforzheim, bei dem Pfarrerinnen und Pfarrer am Totensonntag den Besuchern eines Friedhofs angeboten haben, sie zu den Gräbern ihrer Angehörigen zu begleiten – unabhängig von Konfession und Kirchenzugehörigkeit.
Bauer, der von 2013 bis zu seinem Ruhestand 2024 die Ehrenamtsakademie der Evangelischen Landeskirche in Hessen und Nassau in Darmstadt geleitet hat, bescheinigte der anhaltischen Kirche eine überdurchschnittlich stark sinkende Mitgliederzahl. Mit weniger als 24.000 Angehörigen ist sie ohnehin bereits die kleinste der 20 Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ihr Gebiet umfasst im Wesentlichen das frühere Land Anhalt.
Die Landeskirche verliert Bauer zufolge jedes Jahr rund vier Prozent ihrer Mitglieder. 2023 seien von den damals 26.000 Mitgliedern knapp 11.000 über 68 Jahre alt gewesen. Bis 2035 prognostizierte er einen Rückgang auf kaum noch 15.000 Angehörige.
Hinzu komme, dass 20 Prozent der Einnahmen aus dem Finanzausgleich der EKD-Landeskirchen stammten. Dieser werde jedoch in den kommenden Jahren wegfallen. Er empfahl der anhaltischen Kirche, einen Erprobungsraum zu bilden, um neue Formen kirchlichen Lebens auszuprobieren.
Am Vormittag hatte sich das Kirchenparlament zudem mit einer Personalfrage befasst. Die Synodalen beriefen die juristische Oberkirchenrätin Franziska Bönsch mit großer Mehrheit ab. In dem Antrag war die Rede von einem zerrütteten Vertrauensverhältnis auf allen Ebenen der Landeskirche. Die Aussprache dazu hatte zuvor in nichtöffentlicher Sitzung stattgefunden. Details der Vorwürfe gegen die Juristin sind nicht bekannt. Bönsch wies die Vorwürfe zurück. Das Verfahren bezeichnete sie als intransparent und formal fehlerhaft.