An diesem Wochenende steht die Bundestagswahl an. Viele Menschen sind aufgewühlt. Wie es weitergeht, beschäftigt auch Familien. Doch wie können Eltern politische Themen mit ihren Kindern und Jugendlichen besprechen?
Familie und Politik – das ist nicht immer eine einfache Kombination. Einer, der sich täglich mit dieser Herausforderung befasst, ist Jan Herzog. Er ist Lehrer für Politik und Wirtschaft an der Edith-Stein-Schule Darmstadt. Dort unterrichtet er fast alle Klassen zwischen der achten und 13. Jahrgangsstufe. Mangelndes Interesse der Jugendlichen kann er nicht feststellen: “Ehrlich gesagt gibt es gerade so vieles in der aktuellen Politik zu besprechen, dass wir kaum zum Abarbeiten des Lehrplans kommen. Denn die Schülerinnen und Schüler brennen darauf, zum Beispiel über die anstehende Bundestagswahl zu diskutieren.”
Dass dies wichtig ist, würde Daniel Kraft wohl sofort unterschreiben. Der Pressesprecher der Bundeszentrale für politische Bildung findet, dass in den Schulen insgesamt eine gute politische Bildung stattfinde. Schüler, die gerade ihren Abschluss gemacht hätten, würden sich gut auskennen und wären sehr interessiert. Gerade der Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung würde von jungen Menschen rege genutzt – in diesem Jahr gab es eine Rekordnutzung vo insgesamt über 21,5 Millionen Klicks.
Politische Bildung, sagt Kraft, fange aber schon im Kleinkindalter an. “Wenn man den Politikbegriff so versteht, dass Politik alles ist, was unser gesellschaftspolitisches Zusammenleben prägt, kann man auch schon mit kleinen Kindern über Politik reden, weil Politik uns alle jeden Tag betrifft.” Solche Erfahrungen macht er auch in seiner eigenen Familie. “Wenn ich über Themen spreche, die Kinder betreffen, ist das Interesse da und die Kinder haben eine Meinung. Beispiele sind: Wie wird der Garten der Kita gestaltet? Wie gehen Menschen mit Tieren um?”, erklärt Kraft.
Im Familienalltag gebe es viele Situationen, in denen die Prinzipien der Demokratie und der Gesellschaft eingeübt werden können. Kraft denkt etwa an Fragen wie: “Warum gibt es Regeln auf dem Spielplatz?” Wenn die Kinder im Grundschulalter sind, könnten zudem Rollenspiele eingesetzt werden, um zu lernen, was eine gute Diskussionskultur ist. Er nennt Beispiele für Themen, mit denen Grundschüler eine Debatte simulieren können: “Sollen Hausaufgaben abgeschafft werden? Brauchen wir ein neues Klassentier?” Kraft betont: “Solche Übungen zeigen, dass es okay ist, unterschiedliche Meinungen zu haben, solange man respektvoll bleibt.”
Kinder jeden Alters kämen mitunter von ganz alleine mit den großen politischen Themen in Berührung – etwa, wenn Flüchtlinge in die Klasse kommen oder ein Krieg ausbricht. In diesen Situationen appelliert Kraft an die Erwachsenen: “Greifen Sie die Themen auf. Zu hoffen, man könne Kinder und Jugendliche vor Themen schützen, ist nicht nur illusorisch, sondern auch kontraproduktiv. Wenn wir Kinder und Jugendliche nicht ernst nehmen, zerstören wir das Interesse an Politik und Gesellschaft, das sie von sich aus mitbringen.”
In der Schule setzt Jan Herzog ebenfalls darauf, Jugendliche mit ihren Fragen ernst zu nehmen. Die sozialen Medien gäben dieser Aufgabe noch einmal mehr Gewicht: “Ich denke, viele wollen auch darum über Politik sprechen, weil sie durch die sozialen Medien damit konfrontiert werden. Die meisten haben TikTok auf ihrem Smartphone. Dort werden sie mit politischen Themen, Memes und Politiker-Selfies überflutet.”
Er erkenne inzwischen klar in der Unterrichtsdiskussion, ob eine Schülerin oder ein Schüler politische Inhalte von TikTok kennt, sagt der Lehrer: “Die haben dann vielleicht #Söderisst im Kopf, wenn es um Markus Söder oder die CSU geht.” Einerseits sei es ein guter Effekt, dass TikTok und Co. grundsätzlich die Aufmerksamkeit für politische Themen erhöhten. “Andererseits muss man ganz klar sagen, dass es nicht selten auch zu gefährlichem Halbwissen bis hin zu Falschinformation führt.”
Schwierig wird es mit der Politik in der Familie zum Beispiel, wenn Kinder extremistische Ansichten äußern. Die Bundeszentrale für politische Bildung erreichen nach eigenen Angaben immer häufiger solche Berichte.
“Wir raten, in der persönlichen Verbindung zu bleiben – auch bei der Konfrontation mit Verschwörungserzählungen und abstrusen politischen Ansichten”, sagt Experte Kraft. “Machen Sie deutlich, dass Sie interessiert sind an Ihrem Kind und seiner Haltung, aber machen Sie auch deutlich, wenn Grenzen überschritten werden. Es ist wichtig, dass Sie Haltung zeigen, demokratische Grundwerte hochhalten und mit Fakten dagegenhalten.” Ein weiterer Tipp ist, die Aussagen und ihre Folgen plastisch aufzuzeigen: “Was bedeutet es genau? Was wäre die Konsequenz?”