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Sirenengeheul statt Glockengeläut zu Ostern

Aus den verkohlten Überresten eines Bauernhofs traten Anfang April 1945 romanische Mauerreste zutage. Anders als der umgebende Fachwerkbau hatten die dicken Wände des einstigen Klosters von Creuzburg dem tagelangen Stadtbrand widerstanden. „Hier wäre ein guter Platz für einen Gedenkort an die Zerstörung der Stadt vor 80 Jahren“, sagt Creuzburgs Bürgermeister und Ortshistoriker Rainer Lämmerhirt. Immer wieder hätten sich zuletzt Bürgerinnen und Bürger mit dem Wunsch an die Stadt „Amt Creuzburg“ gewandt, solch einen Ort einzurichten, sagt der Verwaltungschef. Nun liegen drei Vorschläge in den Schubladen seiner Verwaltung. Am 1. April – und damit genau acht Jahrzehnte nach dem ebenso verheerenden wie sinnlosen Kampf um Creuzburg zum Ende des Zweiten Weltkrieges – sollen die Vorschläge den Bürgern vorgestellt werden.

Der Krieg erreichte die Stadt an der Werra am Ostersonntag – Sirenengeheul statt Glockengeläut. Zu Hunderten verließen die Einwohner ihre Stadt und flohen in die umliegenden Wälder. Es war eine Entscheidung, die Leben retten sollte. Denn Tage zuvor hatte Gauleiter Fritz Sauckel (1894-1946) befohlen, der US-Armee den Übergang über den Fluss mit allen Mitteln zu versperren. Sauckel wurde später unter anderem wegen der Verschleppung von Arbeitskräften ins Deutsche Reich bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Schon am Ostersamstag hatte der sogenannte Volkssturm zusammen mit wenigen Soldaten der Panzerjägerersatzabteilung 9 und einer einzelnen Kanone in den Hügeln über dem östlichen Ufer der Werra Position bezogen. Panzersperren wurden aufgebaut. Die Brücke über die Werra war vermint, stand aber noch.

Die Aufforderung zur kampflosen Übergabe der Stadt beantworteten die Verteidiger mit dem Beschuss der US-amerikanischen Stellungen. Einen Tag dauerte der Kampf über den Werraübertritt der US-Army und forderte Dutzende Tote. Die Stadt aber brannte noch tagelang weiter, wohl auch weil ein Munitionsdepot in der Nicolaikirche getroffen wurde und explodierte. „Welch ein Wahnsinn, vier Wochen vor Kriegsende“, sagt Lämmerhirt. Nachdem die Feuer gelöscht waren, war Creuzburg zu 73 Prozent zerstört. Lediglich die Burg, die ehemalige Brauerei und einige Gebäude am Markt überstanden das Inferno.

Die Narben in der ab 1946 planvoll, aber einfach wieder aufgebauten Stadt sind heute allgegenwärtig. Die Narben in den Seelen der Zeitzeugen verblassten allmählich, sagt Stadtpfarrerin, Susanne-Maria Breustedt. Es gebe heute so gut wie niemanden mehr, der damals dabei war. Jahrzehntelang sei öffentlich nicht darüber gesprochen worden, wer sich mit den Nationalsozialisten gemein gemacht habe und wer welchen Teil von Schuld oder Verantwortung trage. „In der offiziellen Geschichtsschreibung der DDR standen ja auch wir Creuzburger auf der Seite der Sieger. Schuld trugen die Nationalsozialisten und die waren entweder tot, verhaftet oder geflohen“, sagt sie. Eine Auseinandersetzung mit den Ereignissen vom 1. und 2. April 1945 habe lange Zeit nicht stattgefunden. „Insofern ist es begrüßenswert, dass nun ein Platz in der Stadt dem Gedenken einen Ort geben soll“, sagt sie.

Die Initiative kommt gerade noch rechtzeitig. Denn nach Jahrzehnten im Sperrgebiet der innerdeutschen Grenze und dem Bevölkerungsverlust seit der politischen Wende haben laut Lämmerhirt viele Familien von damals Creuzburg längst den Rücken gekehrt. In jüngster Zeit, sagt Breustedt, werden zudem viele Häuser von Senioren verkauft, die ins Pflegeheim wechseln.

Um die Erinnerung im Bewusstsein zu halten, laden die Stadt und die Evangelische Kirche am 1. April gemeinsam zum Gedenken. Lämmerhirt forscht seit Jahren zur Schlacht um Creuzburg. Pfarrerin Breustedt erwartet vom Gespräch mit Landesbischof Bischof Friedrich Kramer und den Bürgern auf dem Podium auch eine Debatte darüber, „woran wir erinnern wollen und was wir heute für den Frieden machen können“. Für sich selbst hat sie eine ebenso einleuchtende wie banale Erklärung gefunden, wie es damals so weit kommen konnte. „Es hat halt niemand den Mut gehabt, die weiße Flagge zu hissen“, sagt sie. Andere Städte seien auf diese Weise gerettet worden.