Zweifellos stellt sich zu jedem Reformationstag erneut die Frage, was Reformation bedeutet. Wie lassen sich die Entwicklungen der Reformationszeit historisch einordnen und bewerten? Aber auch welche Orientierungsmöglichkeiten ergeben sich daraus für die Gegenwart und Zukunft.
Das viel zitierte Votum „Ecclesia semper reformanda!“, die reformierte Kirche müsse beständig reformiert werden, das an solchen Tagen gern herangezogen wird, stammt aber mitnichten aus der Reformationszeit. Es ist ein Wahlspruch des 20. Jahrhunderts. Er nimmt verschiedene Aspekte reformatorischer Anliegen auf und entwickelt sie weiter. Der einprägsame Satz – ecclesia reformata, semper reformanda secundum verbum Dei – die reformierte Kirche muss beständig nach dem Wort Gottes reformiert werden – wurde dabei erst nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt.
Reformation heute: Sonntagsgottesdienst abschaffen?
Als Protestantinnen und Protestanen blicken wir heute auf unsere Geschichte zurück und müssen uns fragen, welchen Weg wir heute in reformatorischer Tradition gehen wollen. Den sonntäglichen Gottesdienst abschaffen? Neue Missionsbewegungen in ländlichen Regionen und säkularisierten Städten starten? Laiengottesdienste in fusionierten Großgemeinden feiern, um Gottesdienstzugang zu ermöglichen? Und wieder: Pfarramt neu denken? Taufjahre, Konfirmationsjahre, Hochzeitsjahre ausrufen, um die Feier herausragender Kasualien auf dem Lebensweg zu stärken? Lieber jetzt mehr experimentieren, damit in zehn oder zwanzig Jahren niemand sagen kann, wir hätten nicht einmal versucht, den Trend der Entkirchlichung aufzuhalten?
Ja, die Diskussion darüber lohnt! Das Aushandeln des Für und Wider dieser Ideen und die Auseinandersetzung über die beste Ausrichtung unserer Kirche in dieser Zeit und für die Zukunft bilden den Rahmen und am Ende gemeinsam getragene Entscheidungen.
Reformation: Eine Frage der Perspektive
Aus meiner Sicht ist Reformation eine Frage der Perspektive. Auf meiner Pfarrstelle in Berlin-Reinickendorf betreue ich drei Seniorenheime. Wenn ich in der Nähe des Schäfersees die Bewohnerinnen und Bewohner beim Gottesdienst begrüße, erklingt auch eine kleine elektronische Orgel, der die Kantorin Vogelstimmen entlockt und deren Begleitung zum Mitsingen bei den Liedern einlädt.
„Es tut gut, hier zu sein, die Predigt zu hören und zu singen“, vertraut mir eine Gottesdienstbesucherin an. Eine Bewegung heraus, gegen die Einsamkeit. Die Bewohner:innen treffen sich schon früher, tauschen sich über das Leben, ihre Freizeitaktivitäten, Kinder und manchmal auch über den Gottesdienst aus und lernen einander kennen. Sie hören beim Singen die Stimmen der anderen und erfahren Gemeinschaft beim Abendmahl. Statt Einsamkeit: Begegnung, Gemeinschaft und Verbindung.
Besuche nicht nur in eine Richtung: Kirche sollte zu den Menschen kommen
Wenn ich anschließend meine Besuche auf den verschiedenen Etagen des Hauses mache, erfahre ich in den Begegnungen mit den Bewohner:innen gelegentlich Überraschung: „Das finde ich ja schön, dass Sie jetzt kommen. Warum kommen Sie jetzt?“ So beginnt häufig ein Gespräch, und so lautet häufig im Anschluss am Telefon die Rückmeldung der Angehörigen. Im besten Sinne überrasche ich mit einem Besuch, einem unverhofften Gespräch.
Die Menschen, die sonntags zu unseren Gottesdiensten kommen, sind nicht alle! Denn nicht jedes Kirchenmitglied sucht den Sonntagsgottesdienst für die persönliche Stärkung auf. Das wissen wir und auch neue Gottesdienstformate führen nicht immer zu größerer Attraktivität des Gottesdienstbesuchs. Kirchenmitgliedschaft beginnt mit der Taufe und hängt nicht an der Anzahl besuchter Gottesdienste – auch wenn das manchmal im Konfirmationsunterricht in der Kommunikation etwas anders verstanden werden kann.
Besuche funktionieren nicht nur in eine Richtung: Auch Kirche besucht! Menschen an der Türschwelle zu begegnen, positiv zu überraschen, ihnen einen Anknüpfungspunkt mit Kirche zu ermöglichen und zuzuhören ist heute ein reformatorischer Impuls, durch den Kirche sich wandeln kann. Wenn im nächsten Jahr das Besuchen ein Schwerpunkt der Verkündigung wird, wird sich das hoffentlich zeigen. Immer wieder. Erneu(er)t.