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Mündener Formularlotsen helfen mit lästigem Papierkram

Formularlotsen helfen in Münden beim Ausfüllen von Anträgen, um Wege durch den Formular­-Dschungel zu erleichtern. Die Initiative will, dass alle die ihnen zustehenden Leistungen erhalten.

Kennen sich aus mit Anträgen: die Hann. Mündener Formularlotsinnen und -lotsen.
Kennen sich aus mit Anträgen: die Hann. Mündener Formularlotsinnen und -lotsen.Bettina Sangerhausen

Niemand entkommt Formularen: Sie begleiten uns durchs Leben. Vielen Menschen fällt es sehr schwer, sie richtig auszufüllen. Wer sich schon einmal an einer Steuererklärung versucht hat, weiß nur zu gut, wie schnell man sich im Dschungel der Formulare verirren kann – und vielleicht sogar entnervt alle Papiere in die Ecke wirft.

Damit das nicht geschieht, bieten ehrenamtliche Formularlotsen bei der Diakonie in Hann. Münden jetzt Hilfe an. Acht Frauen und Männer haben eine Schulung absolviert, die der Landkreis Göttingen und das Familienzentrum Hann. Münden initiiert haben. Ziel der Fortbildung war es, die Lotsinnen und Lotsen gut auf ihre Aufgaben vorzubereiten. Sie unterstützen künftig alle Bedürftigen beim Ausfüllen von Anträgen. Die Diakonie ist als Kooperationspartnerin im Boot.

Anträge und Co.: Der Hilfebedarf ist groß

Der Bedarf ist nach Einschätzung von Barbara Jankowski groß. Die Kirchenkreissozialarbeiterin der Diakonie in Hann. Müden hat in der Beratung immer wieder damit zu tun – und mit der Verzweiflung der Ratssuchenden. „Anträge sind immer ein Problem.“

Die Sozialpädagogin kann das gut verstehen. „Oft sind die Formulare ja unendlich verquast.“ Die seitenlangen Papiere, die Behördensprache, die Hinweise auf Rechtsvorschriften – das schrecke schnell ab. Ohne Anträge gibt es jedoch keine finanzielle Hilfe, sei es Bürgergeld, Wohngeld, Kinderzuschlag oder Teilhabepaket. Unsicherheiten entstehen schnell, weil jedes Kreuzchen zählt. Ein Elterngeldantrag zum Beispiel umfasst 22 Seiten.

Eine Folge: Es gebe zwar einen Rechtsanspruch auf bestimmte Leistungen, aber viele Menschen wüssten gar nicht, welche Unterstützungen ihnen zustehen. Andere können sich nicht aufraffen und durch die Formularseiten kämpfen.

Hemmschwellen bei Anträgen überwinden

„Oder man gibt einfach irgendwann auf. Das hat viel mit der Umständlichkeit zu tun“, sagt Barbara Jankowski. Gerade Menschen im Bürgergeldbezug treffe das – und bei ihnen bleibe vor allem die Erfahrung zurück, dass sie sich nicht gut behandelt fühlen.

Die Formularlotsen wollen helfen, diese Hemmschwellen zu überwinden und Anträge vollständig und korrekt auszufüllen. „Das ist aber keine Rechts- und Sozialberatung“, betont Jankowski. Dafür wiederum gibt es eigene Beratungsstellen – die Formularlotsen seien eine gute Ergänzung: „Bisher wurde in den Beratungsgesprächen schon viel Unterstützung bei Anträgen geleistet und wir merken, wie viel Zeit das kostet.“

Landkreis Göttingen unterstützt das Projekt

Jankowski freut sich, dass der Landkreis aktiv geworden ist. „Aber die Verwaltung hat ja auch ein Interesse daran, dass Anträge richtig ausgefüllt werden.“ Oft sei es wichtig, einen Antrag schnell zu stellen, auch wenn noch Unterlagen nachgereicht werden müssten: Die Leistungen stehen einem ab dem Datum der Antragstellung zu.

Vor Anträgen hat Karin Gobrecht keine Angst, aufgeregt ist die Formularlotsin vor der ersten Beratung aber doch, wie sie sagt. Sie hatte von der Schulung in der Zeitung gelesen und sich gleich für die Aufgabe gemeldet. „Bürokratie ist mir bekannt, mit Anträgen kenne ich mich aus“, sagt die Verwaltungsangestellte gut gelaunt.

Im Sommer gehe sie in den Ruhestand, da komme die neue Aufgabe gerade recht. Sie kann gut verstehen, dass das Ausfüllen von Anträgen schwerfällt, „wenn man nicht täglich damit zu tun hat“. Doch Gobrecht ärgert es, wenn Menschen dadurch Leistungen nicht erhalten, die ihnen zustehen. „Das trifft gerade die Schwächsten.“ Und das werden die Formularlotsen nun ändern.