„Wir sind keine sichere Kirche“, sagte Ulrike Hillmann zu Beginn des Berichts der Anerkennungskommission der evangelischen Nordkirche. Es müsse so deutlich gesagt werden: „In unserer Gemeinschaft wurden und werden Menschen missbraucht.“ Die Kirche wolle sich der Schuld stellen, Teil dessen sei die Anerkennungskommission, die im August 2023 ihre Arbeit aufgenommen habe, erklärte die ehemalige Richterin am Sonnabend auf der Landessynode in Lübeck-Travemünde. Neben ihr gehören Anne Haerting, Mitarbeiterin einer Fachberatungsstelle gegen sexualisierte Gewalt, sowie der psychologische Psychotherapeut Klaus Machlitt der Anerkennungskommission an.
Die Kommission biete den Betroffenen Gespräche mit mindestens zwei Mitgliedern an. Dabei wählen die Betroffenen die Gesprächspartner und den Ort, der von einer Hamburger Kirche über eine Parkbank bis zu einem kirchlichen Verwaltungsgebäude in Kassel überall sein könne, sagte Hillmann. Diese Gespräche mit Betroffenen auf Augenhöhe seien bereits Teil der Anerkennung. „Es geht darum, ihnen zuzuhören, ihnen oft erstmalig die Erfahrung zu vermitteln: Mir wird geglaubt.“ Im Anschluss entscheide die Kommission, ob und inwieweit sich die Kirche an der Unterstützung der Betroffenen beteiligt.
Psychotherapeut Machlitt berichtete von Menschen, die innerhalb der Kirche schwerwiegende Gewalt erfahren haben. „Da ist Herr M., der uns berichtet, er könne keine kleinen Kinder mehr sehen, ohne weinen zu müssen: Er müsse bei ihrem Anblick immer daran denken, dass er diese Unbeschwertheit, die er bei ihnen wahrnehme, durch die erfahrene körperliche und sexualisierte Gewalt schon sehr früh verloren habe und im weiteren Verlauf seines Lebens auch nicht wieder erlangt habe.“
Die Taten lägen oft viele Jahre zurück, sagte Machlitt. „Es sind Menschen, die von massiven Grenzverletzungen berichten, die in einem institutionellen Raum stattfanden, der Vertrauen bieten sollte.“ Ausgeübt worden sei die Gewalt von Personen, die im Auftrag der Kirche tätig waren und eigentlich hätten Vertrauenspersonen seien sollen. Machlitt: „Und die häufig nicht die Verantwortung für ihr Handeln übernahmen, indem sie die Übergriffe leugneten oder die Verantwortung den Betroffenen zuschrieben.“
Machlitt zieht ein erstes Resümee. Es sei gut, dass es die Kommission gebe. Sie schaffe einen heilsamen Rahmen und leiste einen Beitrag zur Bewältigung des Geschehenen. Dennoch müsse immer wieder abgewogen werden, auch im Dialog mit den Betroffenen, „ob wir mit unserem Angebot und unserer Arbeitsweise noch auf dem richtigen Weg sind“. Denn essenziell sei, dass Betroffene in die Prozesse der Aufarbeitung und Prävention einbezogen werden.
Haerting berichtete, dass sie Betroffene kennengelernt habe, die sich dafür schämen, was Ihnen damals passiert ist. „Sie sollten sich nicht schämen müssen. Nein, schämen sollten sich die Täter|innen in der Kirche.“ Zu viele Menschen hätten weggeschaut, sagte Hearting: „Macht bitte den Mund auf.“
Haerting forderte mehr Transparenz und Partizipation der Betroffenen in den Prozessen der Aufarbeitung und Prävention. Das gelte für die Besetzung der Kommission sowie die Abläufe. „Sie sollen für sich aufgeklärt entscheiden dürfen, gehe ich die Schritte und schaffe ich das“, erklärte die Mitarbeiterin einer Fachberatungsstelle. Diese Dinge müssten den Betroffenen schnellstmöglich als Informationen barrierefrei zugängig gemacht werden.
Die Anerkennungskommission der Nordkirche arbeitet daran, ein Schutzkonzept zu entwickeln, um Machtmissbrauch zu verhindern. Die Kirche muss sich weiterhin vehement gegen sexualisierte Gewalt aussprechen und das Thema aktuell halten. Alle Mitglieder der Kirche sind aufgefordert, den Betroffenen zuzuhören, ihnen zu glauben und sie zu unterstützen.