Der katholische Mainzer Bischof Peter Kohlgraf hat die beiden großen Kirchen aufgerufen, die „Zeichen der Zeit“ zu erkennen und richtig zu deuten. Dazu gehöre auch der qualitative Bedeutungsverlust der Kirchen, sagte er laut vorab verbreitetem Redemanuskript am Donnerstagabend als Gastredner beim zentralen Gottesdienst der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum Reformationstag in der Mainzer Christuskirche. Die säkulare Welt stelle auch einen Aufruf an die Kirchen zur Neuorientierung dar. „Vielleicht lehren uns unsere Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, dass wir Gott nicht besitzen, dass er nicht für unsere Zwecke und Ideen verfügbar ist“, sagte der Bischof.
Die Kirchen stünden vor der Entscheidung, wie sie weiter ihre Gemeinschaft leben und ihr Profil zeigen und gleichzeitig Respekt vor den Meinungen und Erfahrungen anderer entwickeln könnten. Von den vielen „Zeichen der Zeit“, die seine Amtszeit als katholischer Bischof prägten, nehme die Aufarbeitung des Missbrauchsskandals eine zentrale Rolle ein, erklärte Kohlgraf: „Das Selbstverständnis einer reinen und heiligen Kirche steht infrage.“ Er deute die Ereignisse so, dass nicht nur einzelne Menschen innerhalb der Kirche, sondern auch die Kirche als Institution schuldig werden könnten.
Der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung sagte in seiner Predigt, Christen stünden in der Pflicht, für das Funktionieren des Staates einzutreten. „Zum Glauben gehört es, das Leben miteinander zu gestalten – in der Gemeinde, in der Gesellschaft und im Staat“, erklärte er. „Deshalb kann der Glaube nicht unpolitisch sein – schon gar nicht in einer Demokratie.“
Am Reformationstag erinnern Protestanten in aller Welt an die Anfänge der evangelischen Kirche vor rund 500 Jahren. Die vom damaligen Augustinermönch Martin Luther (1483-1546) um den 31. Oktober 1517 von Wittenberg aus verbreiteten 95 Thesen gegen kirchliche Missstände wurden zum Ausgang einer christlichen Erneuerungsbewegung. Während der Gedenktag früher zur Abgrenzung der Protestanten gegenüber der katholischen Kirche genutzt wurde, wird er inzwischen immer häufiger im Geist der Ökumene gefeiert.