Der Palästinenser an der Bar, die Tschetschenin im Housekeeping – in einem Wiener Hotel haben viele Mitarbeiter trotz unterschiedlicher Muttersprache und Herkunft eine Gemeinsamkeit: Sie sind aus ihrer Heimat geflohen.
“Deutsch ist Pflicht, Habibi” – mit Plakaten wie diesen sorgt die Österreichische Volkspartei (ÖVP) in der Hauptstadt Wien gerade für Aufsehen. Im April finden Gemeinderats- und Bezirksvertretungswahlen statt. Ihre Position haben die Konservativen unlängst deutlich gemacht. Schon vor der Vereidigung der neuen Dreierkoalition Anfang März machten sie klar, den Familiennachzug bei Asylberechtigten stoppen zu wollen. Unterdessen prangt in einem Hotel, 20 Gehminuten vom Wiener Regierungsviertel entfernt, eine ganz andere Botschaft über der Rezeption: “Stay open-minded” – “Weltoffen bleiben”. Im Hotel magdas arbeiten Angestellte aus 14 Nationen. Der Großteil hat einen Flucht- oder Migrationshintergrund.
Das Hotel, eine Tochterfirma der Caritas, wurde vor zehn Jahren als Social Business gegründet, um Geflüchteten den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Bei magdas haben sie die Chance, eine Ausbildung als Hotelkaufmann und Hotelkauffrau, als Servicekraft oder Koch und Köchin zu absolvieren.
So wie Ali. Der 25-jährige in Syrien geborene Palästinenser floh 2011 vor dem Krieg. Seit 2020 lebt er in Österreich. Nach mehreren Jobs bei einer Leiharbeitsfirma macht er bei magdas eine Ausbildung zum Restaurantfachmann. Was ihm am meisten an dem Job gefällt? Der Zusammenhalt unter den Kollegen – “voll nett”, erzählt Ali mit leichtem Wiener Akzent. Er träumt davon, irgendwann sein eigenes Lokal zu eröffnen.
Seit seiner Gründung verließen etwa 30 neue Fachkräfte das magdas mit einem Diplom. “Es geht vor allem darum, Erfahrung zu sammeln. Bisher war es für keinen unserer Lehrlinge ein Problem, einen Job zu finden”, sagt Hoteldirektorin Gabriela Sonnleitner. Ihr Betrieb schreibt Erfolgsgeschichten in Zeiten, in denen Berichte von No-go-Zonen, Sozialbetrug und Gewalt unter Migranten die Debatte dominieren. Dabei gehe man keineswegs naiv an die Sache heran: Ja, Deutsch sei Voraussetzung, um am Arbeitsmarkt zu bestehen, erzählt Sonnleitner, ebenso wie der Respekt für grundlegende Werte wie die Gleichstellung der Frau.
Doch bei magdas geht man einen Schritt weiter. So bietet das Hotel seinen Mitarbeitern neben Sprachförderkursen auch Unterstützung durch einen Sozialarbeiter. Der Mehraufwand, den das mit sich bringt, werde durch ein junges, engagiertes Team wettgemacht – ein Umstand, der in Österreich wie in den meisten europäischen Ländern oft übersehen werde, meint Sonnleitner: “Es werden eher die Defizite gesehen als das, was jemand mitbringt. Man sieht, dass er aus einem anderen Kulturkreis kommt, unsere Sprache nicht kennt, aber nicht, dass er hochmotiviert ist, lernen und hier ein neues Leben aufbauen möchte.” Die Direktorin ist überzeugt: “Wenn wir am Anfang mehr investieren, haben wir später weniger Probleme.”
Investiert wurde auch in den neuen Standort, an den der Betrieb 2022 übersiedelte. Anstelle des verstaubten ehemaligen Priesterwohnheims im dritten Wiener Gemeindebezirk erwarten Besucher heute 85 moderne Zimmer. Das Konzept lautet Nachhaltigkeit: Geheizt wird mittels Erdwärme, der Strom kommt von Solarzellen, und der frühere Parkplatz wurde zum Garten umgestaltet. Die Möbel sind teilweise hergestellt aus Altinventar, im Hotelrestaurant wurden Einbauschränke und sogar ein alter Beichtstuhl verarbeitet. Das Hotel spricht von “Upcycling-Charme”.
Das Ganze instand zu halten – daran arbeitet Olga, 32 Jahre alt, Ukrainerin. Sie floh 2022 allein mit ihrer Tochter nach Österreich. Deutsch brachte sie sich selbst durch Gespräche mit Kolleginnen und österreichischen Freunden bei. “Ich kenne viele Menschen aus der Ukraine, die nicht arbeiten können, weil sie kein Deutsch sprechen. Sie fangen nicht bei null, sondern bei minus an.” Die Arbeit als Haustechnikerin bei magdas sieht sie als seltene Chance: “Die Unterstützung hier ist das Beste. Man wird nie allein gelassen.”
Sozial, umweltfreundlich – doch am Ende sei die Nachhaltigkeit eines Social Business erst vollständig, wenn auch die Zahlen stimmen, betont Sonnleitner. Nicht zuletzt gelte es, den Kredit für den Umbau zurückzuzahlen. Als größten Erfolg nennt die Unternehmerin augenzwinkernd: “Dass es uns noch gibt.”