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“Ich war unten durch” – Jan Ullrich über den Weg aus der Depression

Tief gefallen aus dem Radsport-Himmel: Jahrelang kämpfte Jan Ullrich mit sich selbst. Nun spricht er darüber, wie er die schwere Zeit überwand – und was ihm half, wieder Sinn und Freude zu finden.

Jan Ullrich (51), früherer Radrennfahrer, fand es zur Zeit seiner Depressionen nach eigenen Worten “unglaublich schwer, nach Hilfe zu fragen”. Er habe von klein auf antrainiert bekommen: “Kämpfen, niemals aufgeben”, sagte Ullrich im Podcast “Raus aus der Depression”, den der NDR gemeinsam mit der Stiftung Deutsche Depressionshilfe produziert. Er habe sich selbst lange gesagt, dass er diese Zeit allein bewältigen könne.

Nach einem Dopingskandal und dem Ende seiner Profikarriere sei er “in ein Loch gefallen”, so der Radsport-Star. 1997 hatte er im Gelben Trikot als erster Deutscher die Tour de France gewonnen; später räumte er ein, fast während seiner gesamten Karriere gedopt zu haben. “Ich war unten durch. Der Radsport ging ohne mich weiter”, sagte er nun. Er habe das Leben als “Rennen ohne Ziellinie” empfunden.

Er habe Alkohol getrunken, “um das zu verdrängen”, und schließlich habe ihm nichts mehr Spaß gemacht. “Ich habe nicht mehr trainiert. Ich habe keine Lust mehr an Sport gehabt, auf den ich vorher so Lust hatte. Teilweise hatte ich keinen Hunger mehr”, so der gebürtige Rostocker. Er habe Panikattacken bekommen und sich schon vor kleinen Verpflichtungen gefragt, ob er diese bewältigen könne: “Schaffe ich das überhaupt? Bin ich gut genug? Kann ich das noch? Wie sehe ich aus? Sieht man mir an, dass ich trinke?”

Seine Kinder hätten ihn motiviert, sich Hilfe zu suchen, sagte Ullrich weiter. Er sei zwei Mal in einer Klinik gewesen, einmal neun und dann zwölf Wochen. Dort habe er wieder angefangen Sport zu machen und zu lesen: “Alles, was mir vorher gut getan hat.” Er habe sich Zeit genommen für die Genesung; heute erlebe er auch Yoga, Atemübungen und “längere Runden mit den Hunden” als hilfreich. Zudem trinke er keinerlei Alkohol mehr: “Ich habe gelernt, mich selbst zu lieben.” Über viele Jahre habe er sich selbst nicht gespürt: “Ich habe mich regelrecht vergiftet.”

In der neuen Reihe des Podcasts befragt Entertainer Harald Schmidt sechs Prominente zu ihren Erfahrungen mit ihrer Depressionserkrankung. Zu ihnen gehören auch Publizistin Ronja von Rönne und der frühere Fußballtorwart Timo Hildebrand. Schmidt ist Schirmherr der Stiftung; als Experte ist deren Vorsitzender in den Sendungen dabei, der Psychiater Ulrich Hegerl.