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Demos gegen rechts: “Kommst Du auch mit?”

Die hohe Beteiligung an den Demonstrationen gegen rechts ist nach Ansicht des Protestforschers Sebastian Haunss nicht nur auf breite zivilgesellschaftliche Bündnisse zurückzuführen, sondern auch auf persönliche, individuelle Netzwerke. „Die Menschen gehen in Gruppen, mit Freunden, Familie, Kollegen hin, sie fragen einander: Kommst Du auch mit?“, sagte Haunss dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Das spielt eine erhebliche Rolle.“ Haunss ist Professor am Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen und Vorsitzender des Berliner Instituts für Protest- und Bewegungsforschung.

In den vergangenen Tagen sind in Deutschland rund eine halbe Million Menschen gegen den Rechtsruck auf die Straße gegangen. Auch an diesem Wochenende finden bundesweit Demonstrationen statt – unter anderem in Hannover, Celle, Osnabrück, Lüneburg, Wilhelmshaven und Bremen.

Wichtig für den Erfolg der Proteste ist nach Ansicht von Haunss auch die Berichterstattung in den Lokalzeitungen. Sie machten die Demonstrationen für alle Menschen niedrigschwellig sicht- und wahrnehmbar: „Auch für diejenigen, die nicht über entsprechende Netzwerke verfügen oder an Informationen über die Sozialen Medien gelangen.“

Auffällig sei, dass die Demos gegen rechts flächendeckend in der gesamten Bundesrepublik stattfinden, sagte Haunss. „Das gab es bisher nur sehr selten, zuletzt bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen und früher von bei den Ostermärschen.“

Woran es liegt, dass in manchen Regionen, etwa in München, besonders viele Menschen gegen den Rechtsextremismus demonstrieren, konnte der Protestforscher nicht sagen. „Dazu gibt es bisher keine Untersuchungen, ich kann nur vermuten, dass es davon abhängt, wie gut die Netzwerke der Zivilgesellschaft in den jeweiligen Regionen aufgestellt sind.“

Bildlich könne man sich Protestbewegungen wie Eisberge vorstellen. „Demos sind die sichtbare Spitze, darunter liegt aber, für viele Menschen unsichtbar, das tägliche Engagement in Gruppen und zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzen und die Mobilisierung erst ermöglichen.“

Das Bildungsniveau der Demonstranten ist Haunss zufolge meist hoch, politisch seien sie oft dem Mitte-Links-Spektrum zuzuordnen. „Das Interesse an Politik und die Idee, gesellschaftlich etwas verändern zu können, sind für viele der Treiber dafür, an Demonstrationen teilzunehmen.“ Die Menschen fühlten sich im Kollektiv selbstwirksam.

Dass das Vertrauen, etwas verändern zu können, keine allgemeingültige Voraussetzung für mobilisierungsstarke Bewegungen ist, zeigen Haunss zufolge zwei Ausnahmen: Pegida und Querdenker. „Es klingt paradox, aber unsere Umfrage unter Pegida-Anhängern und Querdenkern hat ergeben, dass sie nicht glauben, kollektive Wirksamkeit zu entfalten.“