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Kirchlicher Widerstand gegen US-Migrationspolitik wächst

Die Kirchen spielen eine immer größere Rolle im Widerstand gegen das Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE. Ein einflussreicher Kardinal wird zum Wortführer des Protests.

Bei den Protesten gegen ICE in Minneapolis spielen die Kirchen eine immer größere Rolle
Bei den Protesten gegen ICE in Minneapolis spielen die Kirchen eine immer größere RolleImago / Zuma Press Wire

Die Zeit der diplomatischen Zurückhaltung ist vorbei. Einflussreiche katholische Kirchenführer in den USA rufen inzwischen offen zu Widerstand gegen die Abschiebepolitik von Präsident Donald Trump auf. Kardinal Joseph Tobin etwa hat seine Rhetorik drastisch verschärft. Die US-Einwanderungsbehörde ICE bezeichnete er jüngst in einer Online-Konferenz als “gesetzlose Organisation”.

Doch damit nicht genug. Mit Blick auf die Geschehnisse in Minneapolis ließ der Erzbischof von Newark seiner Empörung freien Lauf. “Wir trauern um eine Welt, um ein Land, das es zulässt, dass Fünfjährige unter Berufung auf Gesetze entführt und Demonstranten niedergemetzelt werden”, schimpfte er.

Minneapolis: Fünfjähriger festgenommen

Bei Protesten gegen Einsätze der Einwanderungspolizei waren in Minneapolis im Januar binnen kurzem zwei US-Bürger getötet worden. Über die Hintergründe wird weiter gestritten. Für Kritik sorgt auch die vorübergehende Festnahme eines Fünfjährigen und seines Vaters. Ihnen wurde vorgeworfen, sich illegal im Land aufzuhalten. Nach einer gerichtlichen Anordnung sind sie inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Kardinal Tobin zog bei seinem Online-Auftritt Parallelen zum Roman “Wein und Brot” von Ignazio Silone aus dem Jahr 1936. Darin thematisierte der Schriftsteller den Widerstand gegen den Faschismus in Italien. Tobin griff eine Passage auf, in der ein Priester gefragt wird, was zu tun sei. Dieser habe angesichts der “Maschinerie des Todes” betont, wie wichtig es sei, öffentlich “Nein” zu sagen.

Tobin erklärte, wer seinen Glauben ernst nehme, müsse heute genau das tun: “Wir müssen Nein sagen – jeder von uns.” Dazu gehöre, mutig für die Wahrheit einzustehen und jenen zu helfen, deren Leben auf den Kopf gestellt werde.

Minneapolis: So helfen Christen

Tatsächlich gibt es in Minneapolis zahlreiche Christen, die diesem Ruf folgen. Sie leisten Widerstand gegen das rücksichtslose Vorgehen der teils vermummten US-Beamten, die nach Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis fahnden.

Sie beliefern Betroffene, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen, mit Lebensmitteln. Sie begleiten Migrantenkinder, die in den USA zur Welt kamen, zur Schule, damit die Eltern keine Festnahme riskieren müssen. Sie filmen mit dem Smartphone jeden Schritt der Beamten. Und sie warnen mit Trillerpfeifen, wenn Trump-Kräfte in der Nähe sind. Erst kürzlich wurden rund 100 Vertreter verschiedener Konfessionen festgenommen, die den Betrieb am Flughafen Minneapolis-St. Paul störten, um Abschiebeflüge zu verhindern.

Trillerpfeife als Symbol von Widerstand

Etliche Kirchengemeinden versuchen zudem, auch jene Bürger in den Protest einzubinden, die bei eisigen Temperaturen nicht auf die Straße gehen wollen. Zum Beispiel die Westminster Presbyterian Church in Minneapolis, wo Unterstützer mit Gebet und Gesang ihre Solidarität zeigen können.

Pastorin Margaret Fox hielt eine viel beachtete Predigt, in der sie auf die Trillerpfeife als Symbol von Widerstand einging. “Auf den Lippen eines Schiedsrichters bedeutet eine Trillerpfeife: Stopp. Sie bedeutet Foul. Sie bedeutet, du bist im Aus. Eine Trillerpfeife signalisiert: Das ist ein Verstoß”, so Fox. Als sie ihre Predigt beendete, erhob sich die Gemeinde und spendete Applaus. Während die Menge klatschte, ertönten laut viele Trillerpfeifen im ganzen Gotteshaus.

Die Pfeife von Pastorin Fox steht ebenso wie das plakative “Nein” von Kardinal Tobin beispielhaft für das zunehmende Engagement der Kirchen in der Migrationsdebatte. Seine Wirkung verfehlt all dies offenbar nicht: Um eine Eskalation im Bundesstaat Minnesota zu verhindern, will die US-Regierung nun Hunderte Beamte von Grenzschutz- und Einwanderungsbehörden abziehen.