Vor genau drei Jahren hat der Bundestag einstimmig den Völkermord an den Jesiden im Irak anerkannt. Doch die damit verbundenen Hoffnungen der religiösen Minderheit haben sich nicht erfüllt.
Die religiöse Minderheit der Jesiden in Deutschland vermisst drei Jahre nach der Bundestags-Anerkennung des Völkermords durch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) konkrete Konsequenzen. “Wir hatten zu Beginn viel Hoffnung, dass durch diese Anerkennung – zumal sie einstimmig war – das Leben der Jesiden in Deutschland sichtbarer wird”, sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Jesiden in Deutschland, Irfan Ortac, der “Rheinischen Post”. Das sei im Bundestagsantrag versprochen worden, “aber tatsächlich haben die Regierungen in Bund und Ländern davon fast nichts umgesetzt”.
Er verwies auf die 20 Forderungen, die in dem Bundestagsantrag enthalten waren: Ein Punkt sei etwa die Errichtung eines Lehrstuhls zur Religion und Kultur der Jesiden und dem Genozid an einer Universität gewesen. “Das wäre aber Ländersache, daher haben Bund und Länder das Thema hin und her geschoben, weil die Länder vom Bund eine Garantie für die Finanzierung wollen. Wir als Zentralrat haben außerdem vor zweieinhalb Jahren einen Antrag für einen Gedenkort in Deutschland gestellt.”
An Schulen würden jesidische Kinder oft weiterhin als “Teufelsanbeter” beschimpft, kritisierte Ortac weiter: “Lehrkräfte stehen hilflos daneben, weil ihnen das Wissen über die jesidische Kultur fehlt, um bei Diskussionen argumentieren zu können.”
Ein weiterer Punkt sei, dass Jesidinnen und Jesiden laut dem Antrag nicht voreilig abgeschoben werden sollten, fügte er hinzu: “Genau das Gegenteil passiert. Man schiebt erst einmal die Gruppe ab, die kaum eine Lobby hat.”
Er erwarte einen ehrlichen Umgang mit den Angehörigen seiner Religion, so Ortac weiter: “Viele Angehörige der Gemeinschaft leben übrigens schon seit mehr als fünf Jahrzehnten in Deutschland, sind deutsche Staatsbürger. Ihr Recht, ihre Religion ohne Anfeindungen ausüben zu können, sollte geschützt werden wie bei allen anderen Bürgerinnen und Bürgern auch.”
Am 19. Januar 2023 hatte der Bundestag die IS-Verbrechen an Jesiden als Völkermord anerkannt. Jesiden sind eine religiöse Minderheit unter den Kurden. Weltweit hat die monotheistische Religionsgemeinschaft mehrere hunderttausend Mitglieder.
Die Jesiden leben vor allem im nördlichen Irak, viele sind jedoch vor der Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) geflüchtet. Auch in Westeuropa gibt es inzwischen jesidische Gemeinden. Nach Informationen der Bundeszentrale für politische Bildung findet sich die weltweit größte Diasporagemeinde der Jesiden in Deutschland. Es gibt keine genauen Zahlen; Schätzungen gehen von bis zu 250.00 Personen aus.