Sechs Millionen tote europäische Juden: Am Holocaust-Gedenktag wird weltweit an das monströse Morden der Nazis und an Einzelschicksale von Opfern erinnert. Und auch an andere NS-Verbrechen – analog und digital.
Am Holocaust-Gedenktag wird weltweit an die Opfer der nationalsozialistischen Verbrechen erinnert. An vielen Orten sind an diesem Dienstag Veranstaltungen geplant, auch digital gibt es Kampagnen wie etwa #WeRemember des Jüdischen Weltkongresses. Im EU-Parlament wird unter anderem die Holocaust-Überlebende Tatiana Bucci sprechen, die als Kind nach Auschwitz deportiert wurde. Am Mittwoch findet dann die jährliche Gedenkstunde im Bundestag mit einer Rede der Zeitzeugin Tova Friedman aus den USA statt. Auch sie war als Kind in Auschwitz eingesperrt.
Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, auch Holocaust-Gedenktag genannt, erinnert an die Befreiung überlebender Häftlinge des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau im Januar 1945 durch die Rote Armee. In dem größten NS-Lager wurden schätzungsweise etwa 1,1 bis 1,5 Millionen Menschen ermordet. Seit 1996 gedenken die Menschen in Deutschland an diesem Tag der Millionen Opfer des Völkermords. Im November 2005 verabschiedete auch die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Resolution, die den 27. Januar zum weltweiten Gedenktag erklärte.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) bezeichnete Erinnerung als “Herzschlag unserer demokratischen Identität”. Erinnerung sei mehr als der Blick in die Vergangenheit. “Wenn wir vergessen, wer wir waren und was Deutsche getan haben, verlieren wir den Kompass dafür, wer wir sein wollen.” Gerade in einer Zeit, in der antisemitische Ressentiments offen zutage träten, dürfe Erinnerung weder verblassen noch zu einem bloßen Ritual erstarren.
Weimer sprach von einer Verantwortung der Politik und Kultur, neue Wege der Vermittlung zu gehen: “Die Bundesregierung und mein Haus werden deshalb nicht nachlassen zu erinnern, zu gedenken, zu mahnen – und, das ist entscheidend, neue Formen des Erinnerns zu wagen.” Die junge Generation habe eine besondere Bedeutung. “Es nützt nichts, in elitären Echokammern zu verharren. Wir müssen den Dialog dort führen, wo die Fragen gestellt werden.” Wenn Desinformation und Hass auf digitalen Plattformen die Deutungshoheit gewännen, sei dies eine Gefahr für die Demokratie insgesamt.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rief dazu auf, die Lehren aus der Schoah weiterzugeben. Es sei Aufgabe aller, dass das Gedenken akkurat, relevant und bedeutungsvoll bleibe. Von der Leyen rief dazu auf, ein Europa frei von Antisemitismus und jeglichen Formen des Hasses aufzubauen. “Das jüdische Leben in Europa muss gedeihen können, nicht sich verstecken. Europa muss ein sicherer Ort für Juden und Menschen aller Glaubensrichtungen sein.” Die EU-Kommission arbeite daran, etwa durch mehr Sicherheitsmaßnahmen sowie durch Förderung des jüdischen Lebens.
UN-Menschenrechts-Hochkommissar Volker Türk erklärte, die Geschichte des Holocaust biete eindrucksvolle Lehren. “Diese entsetzliche Grausamkeit entstand nicht in mittelalterlicher Finsternis, sondern im hellen Tageslicht einer vermeintlich modernen Gesellschaft”, so Türk in Genf. Der Völkermord an den Juden habe nicht mit Konzentrationslagern und Gaskammern begonnen, “sondern mit Apathie und Schweigen angesichts von Ungerechtigkeit und mit der zersetzenden Entmenschlichung des Anderen”. Daran müsste sich die Menschen immer erinnern.
Türk erinnerte daran, dass Drohungen und Übergriffe gegen Juden in den vergangenen Jahren in beunruhigendem Maße zugenommen hätten. “Hass und Entmenschlichung schleichen sich in unser tägliches Leben ein, auch über unsere Social-Media-Feeds”.Schauspielerin Iris Berben, die sich als “Zweitzeugin” engagiert, rief dazu auf, wach zu bleiben, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen. “Die Geschichten der Überlebenden des Holocausts sind mehr als Zeugnisse einer grauenvollen Vergangenheit – sie sind Leitlinien für unser Handeln heute.” Der Verein Zweitzeugen will die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden bewahren und weitergeben. Berben erinnert dabei an die bekannte Überlebende Margot Friedländer, die 2025 starb.