Die angebliche Bedrohung durch Russland, Drohnen über Flughäfen, „Kriegstüchtigkeit“: Lebt Deutschland noch im Frieden – und wo beginnt der Krieg? Christoph Weller ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Augsburg und spezialisiert auf Friedens- und Konfliktforschung. Warum man „Krieg“ und „Frieden“ nicht einfach unterscheiden kann, erläutert er im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Am 5. Februar diskutiert er in Augsburg mit vier evangelischen Theologen über die neue Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
epd: Herr Weller, die Grenzen zwischen Krieg und Frieden verwischen derzeit. In welchem Zustand leben wir eigentlich?
Christoph Weller: Es ist gut, dass heute wieder mehr über Frieden und Krieg diskutiert wird als etwa vor fünf Jahren. Dazu müssen wir uns aber auch in Erinnerung rufen, dass leider auch in den zurückliegenden Jahren immer Kriege auf der Welt stattfanden, denen in unserem Land kaum Beachtung geschenkt wurde. Unsere Aufmerksamkeit für Kriege ist stark von der massenmedialen Berichterstattung abhängig. Über den Krieg im Sudan wird etwa kaum berichtet im Vergleich zu den Kriegen im Nahen Osten und in der Ukraine. Zugleich liegt in der Unterscheidung von Frieden und Krieg auch eine Gefahr: Sie vereinfacht unseren Blick auf die Welt zu sehr und geht mit Beurteilungen einher, die nicht hilfreich sind.
epd: Es wird bereits vom „hybriden Krieg“ gesprochen, es gibt Attacken auf Computersysteme, Drohneneinsätze und Desinformation. Zielt das nicht auf Krieg?
Weller: Wir wissen nur sehr eingeschränkt, welche Absichten die Regierungen mit diesen Aktionen verfolgen, denn Teil der jeweiligen Strategie ist auch, andere Staaten und auch die eigenen Bevölkerungen im Unklaren darüber zu lassen. Aber dass Krieg ein Ziel staatlicher Außenpolitik sein soll, sehe ich nicht. Wir bezeichnen als „Krieg“, wenn ein zwischenstaatlicher Konflikt mit militärischer Gewalt ausgetragen wird. Zuvor ist beim Umgang mit den zugrundeliegenden Konflikten bereits viel schlecht gelaufen. Davon aber lenkt die Bezeichnung „Krieg“ zu sehr ab, denn sie lenkt die Aufmerksamkeit auf die militärischen Mittel und weg von den Konfliktgegenständen und den Möglichkeiten der zivilen Konfliktbearbeitung. So entsteht der Eindruck, dass für den Weg vom Krieg in Richtung Frieden vor allem militärische Mittel wichtig wären. Das ist zu kurz gedacht!
epd: Wehrpflicht, Waffenproduktion: Was macht das Reden von der „Kriegstüchtigkeit“ mit der Gesellschaft?
Weller: Es wird der falsche Eindruck erweckt, militärische Gewaltmittel wären der wichtigste Beitrag, um die Eskalation internationaler Konflikte zu verhindern. Sie sind aber vor allem teuer und auch noch friedensgefährdend, weil sich andere Staaten in Erinnerung an die zwei Weltkriege von einem „kriegstüchtigen“ Deutschland bedroht fühlen können.
epd: Was bezeichnen Sie in der Forschung mit „Frieden“? Ist das ein statischer Zustand?
Weller: Ich kann verstehen, dass man sich Frieden als stabilen Zustand wünscht. Doch dabei wird übersehen, dass dann auch keine Veränderungen mehr möglich wären. Das Zusammenleben auf der Welt und in der Gesellschaft ist aber immer dynamisch, Veränderungen sind alltäglich und diese Entwicklungen politisch umstritten. Das ist ganz normal und im Prinzip auch kein Problem. Aber die Bearbeitung dieser Konflikte kann mehr oder weniger friedlich erfolgen. Auf dieser Grundlage verstehen wir in der Friedens- und Konfliktforschung Frieden nicht als Zustand, sondern als Prozess, der ständig gefährdet ist, aber durch Institutionen der Konfliktbearbeitung auch gut stabilisiert werden kann.
epd: Sind friedenssichernde Institutionen wie die UNO und das Völkerrecht stark genug?
Weller: Das Völkerrecht und viele internationale Regelungen und Verträge leisten wesentliche Beiträge dazu, dass die meisten internationalen Konflikte einigermaßen konstruktiv, also nicht-eskalativ, bearbeitet werden. Wenn aber solche Institutionen, etwa die Vereinten Nationen und der UN-Sicherheitsrat, nur eingeschränkt funktionieren und derzeit auch noch weiter geschwächt werden, wird es schwieriger, Konflikte konstruktiv und friedlich zu bearbeiten. Genau deshalb ist es so falsch, jetzt auch die deutschen Beiträge zur zivilen Konfliktbearbeitung zusammenzustreichen. Wir benötigen mehr denn je vielfältigste nicht-militärische Mittel, um die Eskalation der Konflikte auszubremsen oder zu verhindern, wenn wir am Ziel des Friedens als Prozess festhalten wollen.
epd: In der aktuellen Diskussion kommen die Vereinten Nationen kaum vor. Vielmehr wird von Wehrhaftigkeit und Sicherheit geredet. Gerät der Frieden aus der Mode?
Weller: Ein bisschen schon, aber doch nicht so richtig. Wenn offensichtlich der aktuelle US-Präsident daran interessiert ist, den Friedensnobelpreis zu erhalten, scheint Frieden doch noch Attraktivität zu besitzen. Umso kritischer müssen wir betrachten, was jeweils mit „Frieden“ bezeichnet wird, denn der Begriff funktioniert auch, um eine kriegerische Konfliktaustragung zu rechtfertigen.
epd: Sie meinen die politische Behauptung, Frieden sei nur durch Krieg erreichbar?
Weller: Ja genau, denn damit eine gewaltsame Konfliktaustragung endet und weitere Eskalationsgefahr abgewendet werden kann, ist höchst qualifizierte Diplomatie für eine konstruktive Konfliktbearbeitung erforderlich. Nur damit wird Frieden als Prozess stabilisiert, wenn er gekennzeichnet ist von abnehmender Gewalt und zunehmender Gerechtigkeit.
epd: Was haben Friedensforschung und Friedensethik zurzeit für eine Aufgabe?
Weller: Wichtig ist, auf die Differenz hinzuweisen, dass Frieden etwas anderes ist als Sicherheit. Das hat Dietrich Bonhoeffer bereits 1934 klar zum Ausdruck gebracht: „Es gibt keinen Weg zum Frieden auf dem Weg der Sicherheit. Denn der Friede muss gewagt werden. Friede ist das Gegenteil von Sicherung.“ Das hängt damit zusammen, dass alle militärischen Maßnahmen zur Herstellung der eigenen Sicherheit bei allen anderen die Unsicherheit vergrößern.
epd: Aber ohne Sicherheitsdenken geht es doch auch nicht?
Weller: Sicherheitsdenken konzentriert sich nur auf die eigene Sicherheit, während Friedensdenken auch die Sicherheit der anderen im Blick hat. Die Politikwissenschaft bezeichnet dies als „Sicherheitsdilemma“: Wer Sicherheit durch militärische Aufrüstung erreichen will, erhöht damit zwangsläufig auch die Unsicherheit seiner Gegner, weil sie sich durch die Aufrüstung stärker bedroht fühlen. Für die eigene Sicherheit werden aber alle ständig aufrüsten und damit nur die gegenseitige Bedrohung erhöhen.
epd: Sollte die Friedensethik auf solche Zusammenhänge nicht deutlicher hinweisen? In der neuen Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) kommt das Sicherheitsdilemma nicht vor.
Weller: Ich verstehe nicht, warum das Sicherheitsdenken in der neuen Denkschrift mehr Raum einnimmt als Maßnahmen für gerechten Frieden. Und mir ist rätselhaft, wie ethische Reflexionen über das Abschreckungssystem geschrieben werden können, ohne das Sicherheitsdilemma zu erwähnen. Gleichzeitig ist zu begrüßen, dass die EKD einen Beitrag zur Debatte um Frieden leisten will, und es gibt auch viele kluge Argumente in der Denkschrift. Aber sie hat eine Schlagseite zum Sicherheitsdenken und passt sich damit zu sehr dem aktuellen politischen Diskurs an. Das beginnt mit dem schrägen Titel.
epd: Der Titel lautet „Welt in Unordnung“ – ist sie das nicht immer?
Weller: Der Titel macht unreflektiert einen eingeschränkten Blick auf die Welt zum Ausgangspunkt des friedensethischen Nachdenkens. So kann der Eindruck entstehen, man wolle die ganze Welt entlang der eigenen Vorstellungen eines „Gerechten Friedens“ ordnen. Doch wenn die Reichen dieser Welt von Ordnung reden, hat das wenig mit Gerechtigkeit zu tun.
epd: „Gerechter Frieden“ ist das Leitbild christlicher Friedensethik: Frieden gedeiht nur dort, wo es auch eine gerechte Ordnung gibt. Welche Vorstellungen von Gerechtigkeit zählen?
Weller: Der Prozess des Friedens ist nicht auf eine gerechte Ordnung angewiesen, sondern auf Maßnahmen, um die Ungerechtigkeiten der Weltordnung schrittweise zu verkleinern. Das umfasst etwa, das Völkerrecht so ernst zu nehmen, dass dessen Verletzungen auch dann öffentlich angeprangert werden, wenn Verbündete dagegen verstoßen.
epd: Hat der „Gerechte Frieden“ nicht auch innenpolitische Dimensionen, etwa beim Abbau von Ungleichheit und beim Umgang mit Pluralität?
Weller: Durchaus, gerade für Christinnen und Christen sind der gesellschaftliche Frieden und seine Gefährdung eine große Herausforderung. Sie suchen nach Orientierung, was sie gegen Polarisierung, Entdemokratisierung und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit unternehmen können. Dazu wird die Denkschrift aber viel weniger konkret als bei den Themen christlicher Soldatinnen und Soldaten. Sie leisten keinen unbedeutenden, aber nicht den wichtigsten Beitrag zum Gerechten Frieden. Diese falsche Gewichtung macht mich besorgt, gerade als protestantischer Friedens- und Konfliktforscher. (0041/08.01.2026)