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“Die Erinnerung an die Vergangenheit hat kein Verfallsdatum”

Gottfried Bühler ist Vorsitzender des deutschen Zweigs der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ) mit Sitz in Stuttgart. Das Werk unterstützt Überlebende des nationalsozialistischen Völkermords an den Juden und hält die Erinnerung an den Holocaust wach, unter anderem mit Zeitzeugengesprächen an Schulen.

epd: Herr Bühler, was berichten Ihnen Überlebende der Shoa heute – mehr als 80 Jahre nach den Verbrechen – am häufigsten, was ihnen im Alltag wirklich fehlt?

Bühler: Die Überlebenden der Shoah sind die wahren Helden Israels. Sie haben Israel aus der Asche des Holocaust aufgebaut. Viele der Holocaust-Überlebenden in Israel kämpfen mit Einsamkeit, Krankheit und teilweise auch Armut. Die ICEJ konnte vor 17 Jahren mithelfen, in Haifa ein Heim für bedürftige Holocaust-Überlebende aufzubauen. Für die etwa 60 Bewohnerinnen und Bewohner ist jeder Besuch, vor allem aus Deutschland, eine Ermutigung. Die notwendige finanzielle Unterstützung von Christen aus Deutschland ist ein Zeichen, dass wir diese Menschen nicht vergessen haben.

Seit Jahren laden wir Überlebende des Holocaust nach Deutschland ein und organisieren Zeitzeugengespräche und Begegnungen der besonderen Art. In Schulen, Universitäten, Kirchen und Gemeinden erzählen diese mutigen Menschen ihre bewegenden Geschichten im Land der Täter und sind gleichzeitig mutige Botschafter für ihr Land.

epd: Nun sterben auch die letzten Zeitzeugen. Was bedeutet das für die Erinnerungsarbeit?

Bühler: Die Erinnerung an die Vergangenheit hat kein Verfallsdatum. Was wir heute brauchen, ist eine Erinnerungskultur, die Mut und klare Bekenntnisse zu den heute unter uns lebenden Juden einfordert – in Deutschland und in Israel. Gedenken ohne konsequentes Handeln ist Selbsttäuschung.

Am 7. Oktober 2023 wurde die ganze Welt Zeuge der schlimmsten Manifestation des Judenhasses seit der Shoah. Seither ist Judenhass in dramatischer Art und Weise förmlich explodiert – auch in unserem Land. Der Judenhass oder Antisemitismus definiert sich heute vor allem über die Art und Weise, wie Israel sich verteidigen muss. Viele Juden fühlen sich in unserem Land nicht mehr sicher und denken ans Auswandern. Das ist nicht hinnehmbar. Hier braucht es ein Umdenken und eine neue Orientierung. Der beste Ratgeber ist die Bibel. Wenn das Buch der Bücher ernst genommen wird, kann es eine Veränderung geben. Die Geschichte zeigt, dass Umdenken und eine Hinwendung zu dem lebendigen Gott immer positive Veränderungen mit sich gebracht haben.

epd: Welche Formen von Antisemitismus erleben Sie heute als besonders gefährlich?

Bühler: Das hebräische Wort für Antisemitismus ist Antishemiut. Hier ist das Wort Shem enthalten, es bedeutet Name. Der Begriff Antisemitismus hat interessanterweise eine Doppelbedeutung. Antisemiten sind zum einen Menschen, die gegen Juden eingestellt sind, zum anderen sind es Menschen, die sich gegen haShem, also Gott, erheben. Diese Menschen finden wir in allen Kulturkreisen. Antiisraelische Fanatiker sind vom links-grünen Lager bis zum radikal islamischen Lager zu finden. Nicht zu unterschätzen ist die große Gruppe der Gleichgültigen.

Unsere Medien hätten ein wichtiges Instrument zur Bekämpfung des Juden- und Israelhasses in der Hand. Israel hat ein Füllhorn an faszinierenden Geschichten zu bieten, die erzählt werden könnten. Anstelle der ständigen Kritik und der Halbwahrheiten würden positive Nachrichten über Israel dem Antisemitismus den Nährboden entziehen. Beide Teile der Bibel wurden von jüdischen Autoren geschrieben. Das Fundament der westlichen Welt sind die jüdisch-christlichen Werte der Bibel. (0157/26.01.2026)