Es ist wie ein Stempel: “langzeitarbeitslos”. Die Zahlen erreichen gerade Höchstwerte, etwa in Baden-Württemberg. Wie man es dennoch in den Arbeitsmarkt schafft, zeigt ein Projekt von Arbeitsagentur, Caritas und Diakonie.
Wenn bei Vincenzo De Gennaro morgens der Wecker klingelt, jubelt der 58-Jährige innerlich: “Juhu, heute gehe ich zur Arbeit!” Dieses Glücksgefühl kannte er mehrere Jahre lang nicht. So wie die derzeit rund eine Million Langzeitarbeitslosen in Deutschland. Wer ein Jahr oder länger ohne Arbeit ist, bekommt diesen Stempel: “langzeitarbeitslos”.
De Gennaro, aus Italien stammend und seit 26 Jahren in Deutschland lebend, hat diese schwierige Phase seines Lebens hinter sich. Seit sechs Jahren ist er nun als Pförtner beim Nationaltheater Mannheim angestellt. Früher arbeitete er viele Jahre als Staplerfahrer und hatte als gelernter Mechatroniker Autos getuned. Doch dann wurden die Aufträge weniger und er arbeitslos.
Über ein Förderprojekt der Bundesagentur für Arbeit und der AG Arbeit – in der auch Caritas und Diakonie vertreten sind – fand er den Job beim Nationaltheater. “Das ist wunderschön, ich wollte eine Arbeit finden, die mir wirklich Spaß macht”, sagte De Gennaro der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Jürgen Pottebaum von der Personalabteilung des Nationaltheaters entdeckte dabei ein besonderes Talent des neuen Mitarbeiters: Das Klavierspielen. So darf der Pförtner “Enzo” immer mal wieder im Foyer Besucher mit seinen musikalischen Künsten beglücken. Auch bei einer Bilanz-Veranstaltung zum Förderprojekt am Dienstag im Zukunftszentrum “futurum” des Diakonischen Werkes Württemberg in Stuttgart spielte “Enzo” unter Applaus auf dem elektrischen Klavier.
Vincenzo De Gennaro ist nur ein Gesicht hinter dem Paragrafen 16i des Sozialgesetzbuches (SGB) II. “Teilhabe am Arbeitsmarkt” ist das Ziel. Finanziell gefördert werden Arbeitgeber, die langzeitarbeitslose Menschen einstellen wollen; gewährt werden “Lohnkostenzuschüsse in Höhe von bis zu 100 Prozent des Arbeitsentgelts oder des gesetzlichen Mindestlohns für die Dauer von bis zu fünf Jahren”. Die Beschäftigung wird mit Coaching begleitet, um die Integration in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
“Gerade das Coaching ist wichtig, weil es den Menschen Selbstvertrauen gibt und den Mut, ihr Potenzial zu entfalten”, sagte Sozialexperte Clemens Litterst vom Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg der KNA. Längst nicht jeder versuchte Wiedereinstieg laufe so gut wie die Erfolgsgeschichte des Theaterpförtners. Nicht selten erschwerten gesundheitliche Einschränkungen, körperlicher wie psychischer Art, oder auch Suchtprobleme das Vorhaben.
Und das gilt auch in wirtschaftlich starken Bundesländern. “Langzeitarbeitslosigkeit ist auch in Baden-Württemberg ein großes Thema”, betont Sabine Schultheiß, Geschäftsführerin bei der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit (BA). Aktuell gibt es ihren Angaben zufolge rund 90.000 Langzeitarbeitslose in Baden-Württemberg. Das sei “der höchste Wert seit Dezember 2007”, als es rund 88.000 waren. Tendenz steigend. Es wird damit gerechnet, “dass im Jahr 2026 die Marke von 100.000 Langzeitarbeitslosen erreicht wird”.
Die Entwicklung ist bundesweit besorgniserregend: Der Anteil der Langzeitarbeitslosen in Deutschland an den etwa 2,9 Millionen Arbeitslosen liegt bei etwa einem Drittel.
Über das 2019 eingeführte, aber laut Experten immer noch recht unbekannte Instrument “Teilhabe am Arbeitsmarkt” aus Paragraf 16i des Teilhabechancengesetzes werden aktuell in Baden-Württemberg 1.345 langzeitarbeitslose Menschen gefördert. Seit 2019 waren es rund 6.200 Menschen im “Ländle”, mehr als 30.000 in Nordrhein-Westfalen und bundesweit mehr als 90.000. Gefördert werden Personen, die sehr lange erwerbslos sind: “Die seit mindestens sechs Jahren nicht – oder nur kurz – gearbeitet haben.”
Die Arbeitsagentur in Baden-Württemberg ist überzeugt: “Die Maßnahmen wirken.” Mehr als die Hälfte der geförderten Langzeitarbeitslosen seien sechs Monate nach dem Ende der Maßnahme weiterhin sozialversicherungspflichtig beschäftigt. “Sie kehren also nicht zurück in den Leistungsbezug.” Es gebe keinen “Drehtüreffekt”.
Profitiert hat auch Achim Appel, ehemals langzeitarbeitslos und heute Projektleiter beim “Stromspar-Check” der Neue Arbeit Lahr GmbH. Appel hatte Medieninformatik studiert und als freiberuflicher IT-Berater gearbeitet. Doch dann kam der Riss: “Ich bin aus dem Berufsleben rausgefallen und nicht mehr zum Laufen gekommen”, so der 61-Jährige. Beim “Stromspar-Check” berät er nun Menschen mit geringem Einkommen, um ihnen zu helfen, Energie zu sparen.
Appels Tipp an Langzeitarbeitslose: “Nicht aufgeben, Vertrauen fassen in Unterstützungsmaßnahmen.” Und was rät Vincenzo De Gennaro? “Träume sind da, um sie zu erfüllen.”