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Wenn Seelsorge die Therapie ersetzen muss

Rund ein Drittel der Anrufer bei der Telefonseelsorge ist psychisch krank. Viele benötigen eigentlich eine Psychotherapie, aber die Wartezeiten sind lang.

Die Telefonseelsorge hilft
Die Telefonseelsorge hilftImago / Image Source

Die junge Frau war verzweifelt: Sie weinte am Telefon, erzählte, dass sich ihr Partner von ihr getrennt hatte. Die Anruferin durchlitt eine schwere Lebenskrise. „Sie nahm in dieser depressiven Phase bereits Tabletten gegen ihre Angststörung“, erinnert sich Martina Rudolph-Zeller, Leiterin der Telefonseelsorge Stuttgart. Es sei sehr deutlich gewesen, dass die junge Frau dringend eine psychische Behandlung benötigte: „Aber sie bekam einfach keinen Therapieplatz, sollte mindestens vier Monate warten und hat deshalb bei uns angerufen“, erzählt die Telefonseelsorgerin von diesem Gespräch.

Es ist nach ihrer Erfahrung keine Seltenheit, dass Menschen, die unter Ängsten leiden, depressiv sind und eigentlich professionelle Hilfe eines Psychotherapeuten bräuchten, in ihrer Not bei der Telefonseelsorge anrufen. „Rund ein Drittel der Ratsuchenden, die bei uns anrufen, ist ernsthaft psychisch erkrankt“, sagt Rudolph-Zeller. Das werde im Gespräch deutlich, weil die Anruferinnen oder Anrufer entweder bereits Tabletten nehmen oder schon von ihrem Hausarzt eine entsprechende Diagnose erhalten haben.

Telefonseelsorge: Hohes Aufkommen in Städten

Die Telefonseelsorge erhielt bundesweit im vergangenen Jahr rund 1,2 Millionen Anrufe und hatte mehr als 90.000 Kontakte in der Online-Seelsorge. In der Region Stuttgart, für die Rudolph-Zeller zuständig ist, gab es rund 13.000 Anrufe: Dabei sei die Quote der Menschen, die sich mit psychischen Erkrankungen meldeten, in urbanen Vierteln sogar noch höher. „Der Anteil liegt in der Stadt heute bei 42 Prozent“, erklärt die Expertin. Vor fünf Jahren seien es noch rund 19 Prozent gewesen, zu der Zunahme habe auch die Corona-Pandemie beigetragen.

Dass psychisch kranke Menschen in ihrer Verzweiflung bei der Telefonseelsorge anrufen, kann kaum verwundern. Denn es dauert lange, bis eine therapeutische Behandlung beginnt. Zwar bekommt man meist zeitnah ein Erstgespräch mit einem Psychotherapeuten, aber die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind lang. „Psychisch erkrankte Menschen warten durchschnittlich fünf Monate auf einen Therapieplatz“, sagt Andrea Benecke, Präsidentin der Bundespsychotherapeutenkammer. Das belegten zahlreiche Umfragen und Studien. Dabei seien in ländlichen Regionen und im Ruhrgebiet die Wartezeiten sogar noch länger.

Dieser Zustand dürfe so nicht bleiben, betont Benecke, denn lange Wartezeiten seien für die Betroffenen äußerst belastend. „Symptome bleiben bestehen oder verschlimmern sich, Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht nehmen zu“, sagt die Psychotherapeutin. Mit zunehmender Wartezeit steige auch das Risiko, dass psychische Erkrankungen länger andauerten oder wiederkehrten, man spreche dann von einem „rezidivierenden Verlauf“.

Hotline bei akuten Krisen

Bei schweren Fällen oder in akuten Krisen können sich psychisch kranke Menschen unter der bundesweiten Telefonnummer 116 117 an den ärztlichen Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen oder direkt an das nächste psychiatrische Krankenhaus wenden. Aber viele scheuen offenbar diesen Schritt, greifen stattdessen zum Hörer oder Handy und rufen die Telefonseelsorge an.

„Wir können keine Therapie anbieten, aber hören den Menschen zu und können Mut zusprechen. Wir gehen davon aus, dass Lösungsideen vorhanden sind, da müssen wir keine Ratschläge geben“, erläutert Rudolph-Zeller. Die bundesweit rund 7.800 Menschen, die ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge arbeiteten, würden für Gespräche mit Frauen und Männern, die seelisch und psychisch belastet sind, besonders geschult.

Telefonseelsorge: Ausbildung dauert rund ein Jahr

Die Ausbildung dauert rund ein Jahr und umfasst insgesamt rund 150 Stunden: Dabei wird gelehrt, wie man auf Menschen eingeht, die in einer Krise sind oder unter Depressionen, Ängsten oder Einsamkeit leiden. „Es werden auch Grundlagen über die psychischen Erkrankungen vermittelt“, betont die Beraterin. Die Seelsorger seien dadurch auch in der Lage, als erste Anlaufstelle weiterzuhelfen, aber langfristig müsse die psychotherapeutische Betreuung verbessert werden.