Die Holocaust-Überlebende Tova Friedman hat in einer bewegenden Rede im Bundestag zu einer stärkeren Bekämpfung von Antisemitismus aufgefordert. Die Politik müsse „strenger werden“, sich deutlicher positionieren, sagte die 87-Jährige am Mittwoch im Bundestag bei der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus. Wenn Antisemitismus geduldet werde, schwäche das demokratische Werte insgesamt.
Friedman sagte, auf der ganzen Welt würden Jüdinnen und Juden wieder angegriffen, würden gehasst, müssten „schon wieder als Sündenböcke“ herhalten für das, woran eine Gesellschaft kranke. Sie wisse das von New York, Paris und London. Wahrscheinlich gebe es das auch in Berlin. Erstmals sei sie in diesem Jahr wieder nach Deutschland gekommen mit der Sorge, ob ihr das selbst begegne. Friedman lebt in den USA.
Sie habe „wunderbare, warme“ Menschen getroffen, sagte Friedman. Mit Dankbarkeit nehme sie Deutschlands Bekenntnis zur Bekämpfung von Antisemitismus wahr. „Aber es reicht nicht aus“, sagte sie vor den Abgeordneten und anwesenden Spitzen der Verfassungsorgane. Sie forderte eine Stärkung von Kampagnen, mehr Bildung und Schutz von Jüdinnen und Juden.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) sagte in ihrer Begrüßungsansprache: „Für Jüdinnen und Juden ist es auch in unserem Land gefährlicher geworden.“ Sie forderte, Deutsche dürften Antisemitismus „nie gleichgültig gegenüberstehen“. Die Deutschen trügen eine besondere Verantwortung, dem Judenhass entgegenzutreten. Das gelte in Schule und Universität ebenso wie am Arbeitsplatz, im Internet, im Verein oder im Freundeskreis.
Die in der Nähe von Danzig geborene Friedman überlebte das NS-Konzentrationslager Auschwitz, in das sie als Fünfjährige deportiert wurde. Vermutlich war an dem Tag, als sie ermordet werden sollte, die Gaskammer defekt. Als 12-Jährige wanderte sie mit anderen Überlebenden ihrer Familie in die USA aus. Seit 2021 betreibt Friedman gemeinsam mit ihrem 20-jährigen Enkel einen TikTok-Kanal, auf dem sie über die Verfolgung der Juden durch die Nazis und heutigen Antisemitismus aufklärt.
Eindringlich forderte sie, das Zeugnis der Überlebenden ernst zu nehmen. Sie mache dies nicht, um Wunden aufzureißen, sondern um zu verhindern, dass es zu einem Verlust der Erinnerung komme, sagte Friedman. Sie sei das Kind, „vor dem Hitler Angst hatte“, sagte sie. Dessen Devise sei es gewesen, keine Zeugen der Verbrechen zu haben. „Ich bin Ihre Zeugin“, sagte Friedman und beteuerte, mit ihrer Aufklärungsarbeit „bis zum Tod“ weiterzumachen.
In ihrer rund 43-minütigen Rede im Bundestag schilderte Friedman ihre persönlichen Erfahrungen aus der Zeit des Nationalsozialismus. „Ich möchte Sie auf eine Reise in die Hölle mitnehmen“, sagte sie. Friedman berichtete von der überfüllten Wohnung im Ghetto, wo ihre Eltern sie in einer Zwischendecke versteckten, nachdem Kinder von Tötungskommandos abgeholt wurden.
Bis zum Tag der Deportation nach Auschwitz habe sie in dem dunklen Raum bleiben müssen. Friedman berichtete, wie ihr Vater geweint habe, als dessen Eltern deportiert wurden, von der Tätowierung der Häftlingsnummer in Auschwitz, der Angst und den schrecklichen Zuständen im Lager. „Man kann gar nicht beschreiben, wie sehr wir unter Hunger litten“, sagte sie.
Die Gedenkstunde im Bundestag findet immer in zeitlicher Nähe zum internationalen Holocaust-Gedenktag am 27. Januar statt. An diesem Tag hatten 1945 sowjetische Truppen das NS-Konzentrationslager Auschwitz befreit.