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Springhart: Arabische Christen im Heiligen Land stark verunsichert

Die badische evangelische Landesbischöfin Heike Springhart hat nach einem Besuch im Heiligen Land auf die bedrängende Situation arabischer Christen hingewiesen. Manche arabische Christen trauten sich nicht mehr, ihr Arabischsein zu thematisieren, weil das mittlerweile mit Islamistischsein identifiziert werde, sagte Springhart dem Evangelischen Pressedienst (epd). Immer wieder versuchten sie auch gegenüber der Regierung klarzumachen, dass sie keine Terroristen seien und Frieden wollten.

epd: Frau Bischöfin Springhart, Sie waren bei der Verabschiedung von Bischof Ibrahim Azar und der Amtseinführung seines Nachfolgers Imad Mousa Haddad, Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land. Wie nehmen Sie die Stimmung in Israel und der Westbank wahr?

Springhart: Viele Menschen dort sagen: „Die letzten zwei Jahre waren echt schlimm, aber wir haben Angst vor dem, was noch kommt.“ Die Situation in der Westbank ist wahnsinnig bedrängend. Viele dort sorgen sich, ob sich die Konflikte durch den israelischen Siedlungsbau weiter verschärfen. Immer wieder erleben die Menschen Willkür an den israelischen Checkpoints.

Zur Amtseinführung von Bischof Haddad wollten Pfadfinder mit Dudelsäcken und Trommeln durch die Jerusalemer Altstadt ziehen. Trotz vorheriger Genehmigung wurden sie am Checkpoint aufgehalten und es war zunächst nicht klar, ob sie aus der Westbank nach Jerusalem kommen können. Die 80-jährige Mutter des Bischofs wurde vier Stunden lang festgehalten, bevor sie zur Amtseinführung ihres Sohnes gehen durfte.

epd: Wie sieht es für die Christen im Land aus?

Springhart: Palästinensische Christen versuchen immer wieder auch gegenüber der Regierung klarzumachen, dass sie keine Terroristen sind. Sie sagen: „Wir wollen, dass der Terror endet, wir wollen Frieden. Wir wollen leben wie andere Menschen auch.“ Als Besucherin habe ich die Situation nicht als problematisch erlebt, aber für die Menschen vor Ort ist sie sehr bedrückend.

epd: Sie sprechen aber auch von einer „nimmermüden Hoffnung auf Frieden“..

Springhart: In meinen Gesprächen habe ich auch die Einschätzung gehört, dass gerade jetzt eine Chance besteht, dass sich etwas zum Guten wendet. Ich bin positiven, hoffnungsvollen Menschen begegnet, die gleichzeitig auch die Herausforderungen beschreiben. Manche arabische Christen trauen sich nicht mehr, ihr Arabischsein zu thematisieren, weil das mittlerweile mit Islamistischsein identifiziert wird. Es wird damit zu einem Problem der Identität.

epd: Es gibt etwa 165.000 Christen im Heiligen Land. Was kann diese Minderheit tun für ein friedliches Zusammenleben?

Springhart: Der Beitrag der Christen hat einen Einfluss, etwa wenn es um die Stärkung von Frauen geht. Es geht darum, diejenigen zusammenzubringen, die an Versöhnung arbeiten, sowie Räume zu schaffen, um gemeinsam für den Frieden zu beten. Es geht um die Menschen und darum, den Blick zu weiten und zu sagen: Hass und Terror sind keine Lösung.
Es muss sehr klar benannt werden, wo Menschenwürde und Menschlichkeit verletzt werden. Der Konflikt ist komplex, aber der Blick für die Menschlichkeit darf nicht verloren gehen.

epd: Welche Rolle spielt die Vernetzung von Menschen, die sich für Frieden einsetzen?

Springhart: Es gibt viele Initiativen im Heiligen Land, die Hoffnungszeichen setzen und voneinander wissen. Dazu gehören etwa die Initiativen „Women of the Sun“ oder „Sounds of Palestine“, die ich besucht habe. Wir brauchen solche besonnenen Stimmen und die Stärkung zivilgesellschaftlicher Initiativen an allen Stellen. Unsere Aufgabe ist es, diese Kräfte zu stärken, auf ihre Stimmen zu hören und diese auch hörbar zu machen.

epd: Können Touristen wieder ins Heilige Land reisen?

Springhart: Es gibt spürbar mehr Touristen als noch vor einem Jahr, etwa amerikanische Pilgergruppen, aber es ist noch kein Vergleich zu früher. In den Altstadtgassen von Jerusalem und erst recht in Bethlehem ist es immer noch ruhig. Die Deutschen sind noch sehr zurückhaltend. Ich habe mich dort aber nicht unsicher gefühlt.

Für Händler in Bethlehem ist es noch deutlich schwieriger. Ich meine, dass es wichtig und richtig ist, wieder nach Israel und Palästina zu reisen. Nicht zuletzt, um den Menschen, die dort auf allen Seiten von den Einnahmen durch den Tourismus leben, wieder eine Perspektive zu geben. (0103/15.01.2025)