Die Erfahrung von Gemeinschaft ist nach Ansicht des rheinischen Präses Thorsten Latzel wichtig, um eine herrschende Misstrauenskultur zu überwinden. Die „starke Vereinzelung in unserer Gesellschaft“ sei ein Problem, sagte der leitende Theologe der Evangelischen Kirche im Rheinland dem Evangelischen Pressedienst (epd). Kritisch äußerte er sich über soziale Medien, die zu Spaltung beitragen könnten. Im epd-Gespräch äußerte sich Latzel auch über den Umgang mit Macht und die Frage, ob die Kirchen in Europa in einer geistlichen Krise stecken.
epd: Sie beklagen eine Misstrauenskultur in der Gesellschaft, die auch mit Überforderung zu tun hat. Viele Menschen haben angesichts der aktuellen Krisen ein Gefühl von Hilflosigkeit. Wie kommt man da wieder heraus und kann den Schalter umlegen?
Latzel: Es gibt aktuell in der Tat eine Form von Misstrauenskultur gegenüber Institutionen und Menschen, besonders, wenn sie anderer Meinung sind oder ein Amt innehaben. Was gegen Misstrauen hilft, ist zunächst, wenn Menschen Selbstwirksamkeitserfahrung machen: Ich kann nicht die Welt retten oder den Klimawandel stoppen, aber ich kann mich in einem Umfeld engagieren und so neues Vertrauen gewinnen. Zudem ist es wichtig, dass ich andere Menschen treffe und Gemeinschaft erlebe. Ein Problem ist die starke Vereinzelung in unserer Gesellschaft. Wenn ich nur auf mich selbst zurückgeworfen bin, überfordert mich das. Wir benötigen Geschichten, die Hoffnung und Halt schenken über uns hinaus. Und wir brauchen – im Bild gesprochen – das Lagerfeuer, um das wir uns mit anderen versammeln können, das uns wärmt und wo wir uns die Hoffnungsgeschichten erzählen.
epd: Welche Rolle kann dabei der christliche Glaube spielen?
Latzel: Als Kirche sind wir eine Vertrauensgemeinschaft: Gott glaubt an uns und macht uns frei, einander zu glauben. Das zeigen auch empirische Studien, dass Menschen in der Kirche Vertrauen lernen. Religiös gebundene Kirchenmitglieder haben ein signifikant höheres Vertrauen zu anderen und eine größere Bereitschaft zum sozialen Engagement. Das bestätigen zum Beispiel die Zahlen von rund 390.000 beruflichen und ehrenamtlichen Mitarbeitenden allein in der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Hier wird ganz konkret Gemeinschaft gelebt und Hoffnung erfahren.
Diese Hoffnung kommt aus einer tiefen inneren Resilienz des Glaubens, die Zukunftsmut und Gestaltungskraft verleihen kann. Wir lassen uns nicht von außen bestimmen, sondern leben aus Gottes Verheißung. Das lernen bereits junge Menschen bei uns im Kindergottesdienst, in der Kita, der Jugendarbeit oder im Religionsunterricht: Ich bin von Gott begabt und frei, mich für andere einzubringen. Als Kirche stehen wir so zugleich für Empathie: Wir treten Populismus und Autoritarismus entgegen und leben eine wertschätzende Haltung gegenüber jedem Mitmenschen.
epd: Auch in den Kirchen in Deutschland gibt es extremistische Tendenzen, etwa wenn Mitglieder nicht mehr zugänglich sind für Argumente und ein offenes Gespräch oder wenn sie AfD-nahe Positionen vertreten. Wie geht Kirche damit um?
Latzel: Der Wunsch nach einfachen Lösungen in einer überkomplexen Welt zeigt sich im Politischen wie im Religiösen: Man wünscht sich eine Führer-Person, die sagt, wo es langgeht. Doch der Glaube an den gekreuzigten Christus steht jeder Form von Herrscher-Kult entgegen. Ich lehne den Missbrauch religiöser oder politischer Macht klar ab. Wichtig ist für uns, den Glauben an die eine, allumfassende Liebe Gottes so zu leben, dass Menschen ihn als relevant für ihr eigenes Leben erfahren.
epd: In sozialen Medien gilt oft nur Schwarz oder Weiß, einen sachlichen und fairen Disput gibt es kaum. Wie erleben Sie das?
Latzel: Es ist ein Problem, dass wir die kommunikativen Autobahnen in digitalen Medien abgegeben haben an einzelne ausländische Konzerne. Wir wissen, dass die Algorithmen auf Eskalation und Konflikte angelegt sind, sie dienen nicht der Verständigung, im Gegenteil. Sie haben insofern eine entsozialisierende Funktion. Wir stärken auf diese Weise eine Empörungskultur. Darunter leidet die Freiheit, auch kritische Punkte konstruktiv zu diskutieren und zu einer wirklichen Begegnung zu kommen. Ich habe in sozialen Medien wie Facebook oder Instagram noch keine wirklich gelungene Diskussion erlebt. Kommunikativ ist es wichtig, in meinem Gegenüber immer den Menschen zu sehen und nicht einen Feind. Leider sind soziale Medien derzeit ein starker Katalysator von Prozessen der Spaltung in unserer Gesellschaft.
epd: Der Imperialismus Russlands und jetzt auch der USA scheint nur noch das Recht des Stärkeren zu kennen. Was ist eine angemessene christliche Haltung zu Macht?
Latzel: Um das klar zu sagen: Es gibt kein Recht des Stärkeren. Hier geht es um Machtmissbrauch. Macht per se ist neutral, sie umfasst auch notwendige Gestaltungskompetenz. Problematisch ist aber absolute Macht über andere im Sinne von Gewalt und Herrschaft. Und das geschieht aktuell durch das Brechen von internationalem Recht und willkürliche Machtausübung. Machtmissbrauch ist für uns als Kirche auch ein Thema im Blick auf sexualisierte Gewalt. Wir treten als evangelische Kirche für Machtsensibilität ein. Egal, ob Macht in einem Amt oder einem Charisma gründet, sie braucht immer Kontrolle und Transparenz.
Auch Jesus vertritt eine machtkritische Haltung: Unter seinen Jüngern soll niemand über die anderen herrschen, wir sollen vielmehr einander dienen – mit Demut. Dazu gehört für mich auch, dass wir der Realität des Bösen in einer unerlösten Welt wehren, etwa bei dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Diesen Machtmissbrauch in Form menschenverachtender Gewalt und Tyrannisierung der Zivilgesellschaft muss man eindämmen, wenn nötig auch mit Waffen.
epd: Sie haben in Ihrem Jahresbericht vor der rheinischen Landessynode davon gesprochen, dass eine neue „Christus-Frömmigkeit“ nötig sei. Was heißt das konkret?
Latzel: An kritischen Punkten ihrer Geschichte hat Kirche sich erneuert und einen Beitrag zu den großen Herausforderungen der Zeit geleistet, indem sie sich an Christus orientiert hat. Ich glaube, dass unsere Welt überfordert mit sich selbst ist, wenn sie nichts als sich selber kennt. Dann fehlt der Grund der Hoffnung. Für uns ist Jesus Christus die eine Zeiten-Wende, die Hoffnung, aus der wir leben – über den Tod hinaus, allen Widrigkeiten zum Trotz.
Aus dieser Hoffnung heraus engagieren wir uns für andere und vertrauen anderen Menschen. Damit leisten wir einen Beitrag zum gesellschaftlichen Miteinander. Wir setzen uns für die Bewahrung der Schöpfung ein, weil wir wissen, dass das unsere Verantwortung ist. Wir stärken das Miteinander. Wir gehen mit jedem Menschen menschlich um, ganz gleich, welche Ansicht er vertritt oder wo sie herkommt. Es geht um eine innere Haltung von Empathie und Mitmenschlichkeit. Wir leben Christus-Orientierung und setzen damit ein Zeichen nach außen.
epd: Der Generalsekretär der Kirchengemeinschaft VEM, Andar Parlindungan, hat kürzlich gesagt, die Kirchen in Europa steckten in einer geistlichen Krise. In vielen Teilen Afrikas und Asiens gebe es wachsende Kirchen, weil Glaube und Mission dort lebendig seien. Hat er recht?
Latzel: Der Missionsbegriff ist bei uns historisch zwiespältig besetzt. Zum Glauben gehören zentral die Weitergabe der Hoffnung an andere, Spiritualität und Frömmigkeit. Das hat mit innerer Haltung und auch mit einer gelebten Glaubenspraxis, also mit Übung zu tun. Beim Glauben geht es nicht um Moral, sondern um ein inneres Selbst- und Christusverständnis. Wichtig ist, dass wir diesen Glauben in einer Weise praktizieren, die Menschen bei uns anspricht. In Westeuropa haben wir eine Tradition der Aufklärung. Glauben, Denken und die Übernahme von Verantwortung für die Welt gehören zusammen, Innerlichkeit und Rationalität schließen sich nicht aus. In der Ökumene können wir dabei voneinander lernen und uns wechselseitig bereichern.