Rund eine Million Menschen in Deutschland haben eine Pornografie-Nutzungsstörung. Diese Zahl ist eine Schätzung, und viele Informationen zu der schambehafteten Erkrankung fehlen. Ein Experte beleuchtet den Kenntnisstand.
Sexsucht: Dieses Tabuthema versucht Rudolf Stark seit über 20 Jahren aus der Schmuddelecke zu holen. Der Gießener Psychologieprofessor forscht mit seinem Team etwa dazu, wie man die Pornografie-Nutzungsstörung PNS behandeln kann. Die entsprechende Studie “PornLoS” wird in diesem Jahr ausgewertet. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) spricht Stark über genetische Faktoren und Verhaltensweisen, die die Entwicklung von Sexsucht begünstigen – und erklärt, warum es dennoch keinen Grund zur Panik gibt.
Frage: Sex- oder Pornografiesucht, zwanghaftes Sexualverhalten, die Anonymen Sexaholiker sprechen von “Lüsternheit” – es gibt verschiedene Bezeichnungen für dasselbe Phänomen. Welche ist die passendste?
Antwort: Wir orientieren uns am ICD, also der internationalen Klassifikation von Krankheiten. 2019 ist das ICD-11 neu herausgekommen, und da wird erstmalig dieses Syndrom beschrieben als “Störung mit zwanghaften Sexualverhalten”. Das wäre also im klinischen Bereich die richtige Diagnose.
Frage: Wie lässt sich diese Störung definieren?
Antwort: Das Hauptsymptom ist der Kontrollverlust. Das heißt, Menschen sind mit massiven Nachteilen durch ihr Verhalten konfrontiert, zum Beispiel im Arbeitsumfeld oder in privaten Beziehungen, haben also gute Gründe, dieses Verhalten einzuschränken – und trotzdem gelingt ihnen das nicht, so dass es zu einem signifikanten persönlichen Leidensdruck kommt. Weiteres Kriterium ist, dass das immer mehr Raum im Leben einnimmt.
Frage: Die Pornografie-Nutzungsstörung PNS ist die häufigste Unterform?
Antwort: Ja. Die PNS ist als Begriff im ICD-11 nicht eingeführt, wird aber in der wissenschaftlichen Community inzwischen so verwendet. Daneben gibt es das sogenannte exzessive zwanghafte Dating-Verhalten, das ist die zweithäufigste Form. Wir gehen bei den betroffenen Männern von einer Verteilung 80 zu 20 aus.
Frage: Wie ist die Situation bei Frauen?
Antwort: Es wird immer wieder berichtet, dass Frauen weniger PNS aufweisen, sondern eher exzessives Datingverhalten. Die tauchen aber in den Hilfesystemen nicht wirklich auf. International wird davon ausgegangen, dass das Verhältnis zwischen betroffenen Männern und Frauen ungefähr 4 zu 1 ist. Nach unseren Beobachtungen liegt es eher bei 100 zu 1.
Wir führen im Augenblick diese große Studie durch, PornLoS, die war an Männer und Frauen gerichtet. In diesem Rahmen haben sich ungefähr 1.000 Menschen bei uns gemeldet, davon waren weniger als zehn Frauen. Entweder ist Deutschland da sehr anders als der internationale Durchschnitt, oder wir sehen die betroffenen Frauen einfach nicht.
Frage: Wie entsteht die Erkrankung PNS?
Antwort: Man geht davon aus, dass es Vulnerabilitätsfaktoren gibt, die eine solche Entwicklung für den einen wahrscheinlicher machen als für den anderen. Dazu gehört zum Beispiel eine mangelnde Impulskontrolle, was sich etwa als ADHS im Kinder- und Jugendalter ausdrücken kann. Aber das erklärt vielleicht zehn Prozent der Störung, da müssen noch andere Dinge hinzukommen. Da ist einmal diese Selbstverstärkung durch Lernprozesse, die Konditionierung. Und zum anderen auch die Frage nach der Funktionalität, also: Welche Rolle spielt dieses Verhalten?
Frage: Und zwar?
Antwort: Stellen wir uns vor, dass ein 13-Jähriger anfängt, Pornografie zu konsumieren. Die Frage ist, wie geht es weiter? Circa 50 bis 80 Prozent der Jungs fangen in dem Alter damit an, aber viele beginnen irgendwann reale Beziehungen, und ab dann spielt Pornografie eine untergeordnete Rolle. Während das Thema bei anderen weiterläuft, egal, ob sie Beziehungen haben oder nicht. Wir gehen davon aus, dass hier hauptsächlich Lerngesetze ursächlich verantwortlich sind.
Das heißt, wenn man sehr viel Pornografie konsumiert und das als Emotionsregulationsmethode einsetzt, dann wird daraus eine Gewohnheit. Es ist also nicht so, dass man das entweder hat oder nicht hat. Sondern es besteht ein sehr starkes eigenes Aufschaukeln der Prozesse, die zu einer pathologischen Entwicklung führen können.
Frage: Pornografie als Emotionsregulationsmethode – was meinen Sie damit?
Antwort: Sehr häufig gehen Ängste oder Depressionen mit PNS einher, teils auch andere Süchte. Man kann aber nicht genau kann, was Ursache ist und was Wirkung. Klar aber ist, dass die Nutzung von Pornografie eine sehr starke Stimulation ist, bei der man alles andere ausblenden kann. Stellen wir uns wieder diesen 13-Jährigen vor, der nach Hause kommt. Schule war blöd, Hausaufgaben machen ist noch blöder – der guckt jetzt erstmal Pornos. Was Spannenderes gibt es in der Situation doch gar nicht. Da kann man sich drin verlieren und alles nach hinten schieben.
Viele Betroffene sagen, so hat das bei ihnen angefangen. Dass sie immer, wenn sie nichts mit sich anzufangen wussten, alleine waren, Frust hatten, Pornos konsumiert haben. Und das so zur Gewohnheit wird, dass man Situationen, wo man zum Beispiel gelangweilt ist, überhaupt nicht mehr aushalten kann.
Frage: Ist Sexsucht in Zeiten zunehmender Digitalisierung und ständig verfügbarer Pornos ein wachsendes Problem?
Antwort: Wir haben Steigerungen, die sind allerdings nicht so explodiert, wie ich es vor 20 Jahren erwartet hatte. Damals kamen die ersten Smartphones auf den Markt. Aber die Zahlen sind in diesem Zeitraum halbwegs konstant geblieben, um die drei Prozent der erwachsenen Männer in Deutschland sind betroffen. Es wäre also nicht angemessen, Panik zu machen. Immerhin haben circa 97 Prozent der Männer das halbwegs im Griff. Dadurch, dass aber fast alle Männer Pornografie konsumieren, ist es dann doch ein relativ geringer Prozentsatz, der Probleme entwickelt.
Frage: Welche Therapie hilft?
Antwort: Wir haben an der Justus-Liebig-Universität Gießen über 20 Jahre Erfahrung mit der Behandlung von PNS. Die Therapie muss an zwei Punkten ansetzen: Zum einen geht es darum, den Umgang mit dem Suchtdruck zu lernen. Das heißt, zu trainieren, dass man in Situationen, in denen es eng wird, sofort gegensteuert: Sei es, den Raum zu verlassen, erstmal Kaffee trinken zu gehen, was auch immer. Das muss individuell geplant werden.
Das andere ist die Frage nach der Funktion. Die meisten Betroffenen haben Partnerschaften. Und da muss man auch die Frage stellen, warum reicht die partnerschaftliche Sexualität nicht aus? Was gibt es da möglicherweise für Kommunikationsschwierigkeiten? Bei anderen kann es sein, dass die Schwierigkeiten haben, mit potenziellen Partnerinnen in Kontakt zu kommen, weil sie an sozialen Ängsten leiden. Dann würde eine Therapie an diesem Punkt ansetzen.
Frage: Wie bewerten Sie etwa die Methoden der Anonymen Sexaholiker?
Antwort: Ich glaube, dass es für den, der sich darauf einlassen kann, sehr wirkungsvoll sein kann. Aber es gibt viele, die das nicht schaffen. Die Anonymen Sexaholiker sind sehr klar an diesem Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker orientiert. Aber wir wissen noch extrem wenig darüber, wie PNS behandelt werden sollte.
Wir haben zwei Therapieversionen: Abstinenz versus reduzierte Nutzung. Nach den zwölf Schritten würde man sagen, nur Abstinenz ist möglich. Aber es gibt keine empirischen Belege dafür, dass es sich bei der PNS wie beim Alkoholismus verhält. Beim Alkohol kann man zudem sagen, das braucht kein Mensch. Aber Sexualität gehört zu unserem Leben dazu. Deshalb kann eine wichtige Frage lauten: Wie kann ein Konsum aussehen, der unkritisch ist?