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Nicht wegsehen: Ministerpräsident Lies mahnt zum Holocaust-Gedenktag

Anlässlich des Holocaust-Gedenktags am 27. Januar hat Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) zur Verteidigung der Demokratie und zum Einsatz für die Menschenwürde aufgerufen. „Wir dürfen nicht mehr wegsehen und weghören, wenn Menschen beleidigt und erniedrigt werden, wenn demokratische Institutionen verächtlich und lächerlich gemacht werden, um ihre Legitimität infrage zu stellen“, betonte er am Montag in Hannover. Auch Vertreterinnen und Vertreter von Sozialverbänden warnten vor Rassismus, Antisemitismus und menschenverachtenden Ideologien.

Lies zitierte die Holocaustüberlebende Eva Umlauf, die bei der Gedenkveranstaltung am Sonntag in der Landesvertretung in Berlin gesprochen hatte. Angesichts zunehmender rechtsextremer und antisemitischer Hetze, die weit über den rechten Rand hinaus Beifall bekomme, frage sie sich, ob ihre Worte noch gehört würden. 81 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz machten sich jüdische Menschen wieder ernsthaft Sorgen um die Zukunft Deutschlands und fühlten sich nicht mehr sicher, sagte Lies: „Wie beschämend.“

Mehr denn je mahne der Gedenktag dazu, wachsam und wehrhaft zu sein, unterstrich der Ministerpräsident. „Lassen wir nicht zu, dass Jüdinnen und Juden, dass queere Menschen, geflüchtete und zugewanderte Personen, dass Niedersächsinnen und Niedersachsen bedroht und verfolgt werden – die Menschenwürde ist unantastbar!“

Der niedersächsische Diakonie-Chef Hans-Joachim Lenke betonte, der Holocaust sei ein „beispielloser Zivilisationsbruch“ gewesen. Er habe mit Ausgrenzung, Hass und Hetze begonnen: „Das sehen wir auch heute wieder.“ Der Diakonie-Chef sagte: „Es liegt in unserer Verantwortung, uns klar für Mitmenschlichkeit und Respekt vor dem anderen sowie die Vielfalt demokratischen Zusammenlebens auszusprechen und uns zu erinnern, dass Vielfalt unser demokratisches Zusammenleben ausmacht.“ Lenke ist aktuell auch Vorsitzender in der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Niedersachsen.

Die Landesvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Kerstin Tack, sprach von einem „Tag des Erinnerns und der Verantwortung“. „Aus der Erinnerung an die Opfer des Holocaust erwächst der klare Auftrag, Demokratie und Menschenrechte heute aktiv zu schützen und zu stärken.“ Dabei müssten besonders junge Menschen sensibilisiert werden und es benötige zeitgemäße Formen und Zugänge der Erinnerung, sagte Tack. Sie appellierte zugleich: „In einer Zeit, in der autoritäre, diskriminierende und menschenfeindliche Stimmen wieder lauter werden, ist es umso wichtiger, Haltung zu zeigen und sich klar zu verorten.“ Tack verwies dabei auf die Kampagne „Du bist Demokratie“ ihres Verbands.

Bei dem staatlich organisierten und industriell ausgeführten Völkermord am europäischen Judentum durch die deutschen Nationalsozialisten kamen zwischen 1941 und 1945 rund sechs Millionen Menschen ums Leben. Auch Hunderttausende von Sinti und Roma, Homosexuellen, Menschen mit Behinderungen oder Kriegsgefangenen wurden ermordet.

Der „Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust“ erinnert seit 2005 weltweit am 27. Januar an die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung sowie an die Opfer anderer Minderheiten. In Deutschland wird er bereits seit 1996 begangen. Das Datum bezieht sich auf den 27. Januar 1945, als sowjetische Truppen das Vernichtungslager Auschwitz in Polen befreiten.