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Missbrauch: Evangelische Kirche etabliert Aufarbeitungskommissionen

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und die Diakonie wollen in den kommenden Wochen neun regionale Gremien zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt an den Start schicken. Die sogenannten „Unabhängigen Regionalen Aufarbeitungskommissionen“ (URAK) sollten landesweit ihre Arbeit aufnehmen, wie EKD und Diakonie am Donnerstag mitteilten. In Niedersachsen und Bremen kam es jedoch kurz darauf zum Eklat: Die von der Landesregierung in Hannover benannten Mitglieder traten auf Druck von Betroffenenvertretern zurück. Diese sieht sich nun außerstande, neue Mitglieder zu benennen.

Die frühere Landes-Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) und die Präsidentin der Klosterkammer Hannover, Thela Wernstedt, teilten am Donnerstag dem Evangelischen Pressedienst (epd) mit, dass sie ihr Amt nicht antreten werden. Am vergangenen Wochenende habe sich bei einem Treffen von Betroffenen eine Mehrheit dafür ausgesprochen, mit ihnen nicht vertrauensvoll zusammenarbeiten zu wollen. Das habe sie dazu veranlasst, zurückzutreten. „Eine Zusammenarbeit ergibt keinen Sinn, wenn die Betroffenen das nicht wollen“, betonte Niewisch-Lennartz.

Niedersachsens Regierungssprecherin Anke Pörksen sagte, die Landesregierung erachte die Bewertung der Betroffenen für unhaltbar. Niewisch-Lennartz und Wernstedt hätten bewiesen, dass sie über ein hohes Maß an innerer Unabhängigkeit verfügten. „Es ist nicht nachvollziehbar, wie einige der Betroffenen zu der Einschätzung gelangt sind, mit diesen beiden Frauen nicht zusammenarbeiten zu können.“ Wäre es ihnen um die Sache gegangen, hätten sie sich in einem Gespräch mit beiden einen eigenen Eindruck verschaffen können.

Die Landesregierung sehe sich nun außerstande, andere Personen für die URAK zu benennen, sagte Pörksen. Auch diese müssten befürchten, „einem Screening unterworfen zu werden und dann gegebenenfalls unsachlichen Vorwürfen entgegentreten zu müssen. Dies ist nicht zumutbar.“

Der Betroffenenvertreter Jakob Feisthauer sagte dem epd, die Betroffenen hielten die beiden Frauen aufgrund ihrer früheren oder aktuellen Mitgliedschaft in kirchlichen Gremien für befangen. Niewisch-Lennartz war Mitglied der Synode der hannoverschen Landeskirche. Die Ärztin und frühere SPD-Landtagsabgeordnete Wernstedt war ebenfalls Synodenmitglied und gehört unter anderem dem Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages an.

Feisthauer betonte, er danke beiden für ihren Rücktritt. „Für mich zeigt dies, dass Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sind und Ihnen die Bedürfnisse von Betroffenen wichtiger sind als die Bedürfnisse der Kirche“, schrieb er in einer Mail an Wernstedt und Niewisch-Lennartz, die dem epd vorliegt. Er halte sie beide für „hochkompetente Personen“. Ihre bisherigen Tätigkeiten für die Kirche machten sie jedoch befangen.

Für die Betroffenen sei es schon schlimm genug, dass die Kirche drei Vertreter aus den eigenen Reihen in die neunköpfige Kommission entsenden dürfe, sagte Feisthauer. Er ist einer von drei Betroffenenvertretern in der URAK Niedersachsen-Bremen. An dieser Aufarbeitungskommission sind die Landeskirchen in Hannover, Oldenburg, Braunschweig, Schaumburg-Lippe, Bremen und die Reformierte Kirche sowie deren diakonische Werke beteiligt.

Grundlage für die Kommissionen ist eine Vereinbarung über Standards zur Aufarbeitung von Missbrauch mit der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Kerstin Claus, aus dem Dezember 2023. Aufgaben dieser Gremien sind unter anderem, Fälle sexualisierter Gewalt zu erheben, Ursachen für Missbrauch aufzudecken und den Umgang mit Betroffenen zu analysieren.

In den Kommissionen sitzen neben Betroffenen, Expertinnen und Experten auch Vertreter der Landeskirchen und Landesverbände der Diakonie. Um die Unabhängigkeit zu gewährleisten, dürften weniger als die Hälfte der Mitglieder Beschäftigte der evangelischen Kirche oder der Diakonie sein oder einem ihrer Gremien angehören, hieß es. Die unabhängigen Experten sollten von den Landesregierungen benannt werden.