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Lügen kurzzeitig erlaubt: Es wird wieder in den April geschickt

Von der Schummelei bei der Steuererklärung bis zur Korruption – immer wieder lügen Menschen, um sich Vorteile zu verschaffen. Aprilscherze sind meist harmloser. Seit wann es dieses Brauchtum gibt, ist unklar.

Bei Pinocchio ist die Sache klar. Bei jeder Lüge wächst der Kinderbuchfigur eine lange Nase. Doch in der Realität sind Menschen nicht besonders gut darin, Lügen zu erkennen.

Deshalb: Augen und Ohren auf am 1. April. Denn am Dienstag ist der lässliche Umgang mit der Wahrheit – zumindest teilweise – erlaubt. Man darf seine Mitmenschen “in den April schicken”. Ein weiterhin sehr beliebter Brauch, auch in Zeiten, in denen Staatschefs wie Donald Trump und Wladimir Putin das Lügen zur alltäglichen Gewohnheit gemacht haben.

“Aprilscherze, die Sie dieses Jahr ausprobieren sollten” zählt ein Videoportal in diesem Jahr auf. “Erwachsene richtig reinlegen” wendet sich ein Magazin an Kinder, die ihre Eltern durch “kreative und harmlose” Aprilscherze aufheitern wollen. Allerdings verliert der alte Brauch durch solche Tipps viel von seiner Spontaneität.

Das “in den April Schicken” ist vor allem in christlich geprägten Ländern und in Indien verbreitet. In den USA etwa feiert man den 1. April als den “April Fool’s Day”, in Frankreich und in Italien wird der Gefoppte als “Aprilfisch” bezeichnet. Wissenschaftlich gesichert ist, dass die Redensart “in den April schicken” in Deutschland 1618 in Bayern erstmals auftaucht.

Warum die Tradition, seine Mitmenschen mit mehr oder weniger lustigen Falschmeldungen in die Irre zu schicken, so reizvoll ist, liegt auf der Hand: Anders als an den übrigen 364 Tagen des Jahres darf man am 1. April bewusst die Unwahrheit sagen. Und ausloten, wie weit man gehen kann. Wie beim Karneval hat eine solche Umkehrung der geltenden Konventionen eine entlastende Funktion – gerade in solch düsteren Zeiten wie gegenwärtig.

Für den Hamburger Psychologen Philipp Gerlach gibt es große Unterschiede zwischen Aprilscherzen und Lügen. Zum einen stehe am 1. April nicht der persönliche Profit, sondern die Schadenfreude im Vordergrund, erklärt der Dozent an der Hochschule Fresenius in Hamburg. Zudem würden Aprilscherze vom Lügner selbst aufgelöst (“April, April”). “Eine solche Auflösung geschieht bei den üblichen Lügen meist nicht durch den Lügner selbst und eher unfreiwillig.”

Gerlach war Mitautor einer 2019 veröffentlichten Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung und israelischer Wissenschaftler mit über 44.000 Teilnehmern und vielen Experimenten. Dabei haben die Autoren herausgefunden, dass Männer tendenziell leicht mehr lügen als Frauen. Gerlach unterscheidet zwischen “weißen Lügen”, die oft aus Höflichkeit und aus Diplomatie geschehen und beiden Seiten nutzen – und “schwarzen Lügen”, bei denen eine Seite sich Vorteile verschaffen will. Der Aprilscherz steht dazwischen.

Volkskundler sehen mehrere mögliche Ursprünge für die Tradition, die den vom Wetter her oft launischen April einleitet: So sollen die Römer am 1. April zu Ehren der Venus rauschende Feste gefeiert haben, derbe Scherze inklusive. Auch das Herumschicken Jesu nach seiner Verhaftung “von Pontius zu Pilatus” soll am 1. April stattgefunden haben. Der Tag habe frühen Christen als der Geburtstag des Judas gegolten, schreibt der Theologe und Brauchtumsforscher Manfred Becker-Huberti. Er sieht zudem Zusammenhänge mit dem germanischen Frühjahrsbrauchtum: Bei den Germanen habe der in den April geschickte Narr den machtlosen Winter verkörpert, der geneckt wurde, damit er sich möglichst schnell verzieht.

Als besonders plausibel gilt unter Volkskundlern aber die Theorie, dass der 1. April auf das Pech von Spekulanten im Jahr 1530 zurückgeht. Auf dem Reichstag zu Augsburg wollte Kaiser Karl V. das Münzwesen neu regeln. Zahlreiche Spekulanten investierten daraufhin ihr Erspartes, um am sogenannten Münztag große Gewinne zu erzielen. Als dieser dann aber nicht wie vorgesehen am 1. April stattfand, verloren sie ihr Geld und wurden zudem noch als “Narren” ausgelacht.

Eine weitere, häufig angeführte Erklärung ist nach Darstellung des Regensburger Kulturwissenschaftlers Gunther Hirschfelder die Durchführung einer Kalenderreform in Frankreich in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Karl IX. von Frankreich verlegte demnach 1564 den Jahreswechsel vom 1. April auf den 1. Januar. Damit brachte er nicht nur die Tradition durcheinander, am 1. April Geschenke zu verteilen, sondern narrte auch diejenigen, die weiterhin am 1. April Neujahr feierten.