Es war nichts weniger als eine Revolution. Was Paula Modersohn-Becker in ihrem geliebten „Lilienatelier“ in Worpswede auf die Leinwand brachte, war so ganz anders als das, was viele ihrer Malerkollegen um die Jahrhundertwende im Sinn hatten: keine erzählerischen Elemente, dafür flächige, kantige Motive. Gesichter, Körper und Gesten schilderte die Malerin einfach. Ein Stil, mit dem sie viele Zeitgenossen schockierte und der sie zu einer Vorreiterin der frühen Moderne werden ließ, zu einer bedeutenden Vertreterin des Expressionismus in Deutschland. Vor 150 Jahren, am 8. Februar 1876, wurde Paula Modersohn-Becker in Dresden geboren.
Ein Datum, das mit großen Ausstellungen in Worpswede, Bremen und Dresden, einer Arte-Dokumentation und einem Kinofilm gewürdigt werden soll. Zu Lebzeiten wurde Paula Modersohn-Becker als professionelle Künstlerin kaum wahrgenommen. Heute ist die Malerin, drittes von sieben Kindern einer bürgerlichen Familie, international anerkannt. 2024 wurde sie in New York und Chicago mit Einzelausstellungen gefeiert. Ende November 2025 erzielte ihr „Selbstbildnis nach halblinks“ bei einer Auktion 1,27 Millionen Euro – Weltrekord für eine deutsche Malerin.
1888 zog die Familie Becker nach Bremen und Paula besuchte auf Wunsch der Eltern das Lehrerinnenseminar. Doch ihr Herz gehörte schon damals der Kunst. „Ich diene ihr auf Knien und sie muss die Meine werden“, fasste Paula ihr Ziel ins Auge. Menschen wollte sie malen. Modelle suchte sie sich in den Moorkaten und im Armenhaus.
Doch der Weg war steinig. Eine couragierte junge Künstlerin, das passte nicht in die Zeit. „Die Kunst wurde über Jahrhunderte männlich geschrieben“, sagt Beate Arnold, Leiterin der Großen Kunstschau und des Barkenhoffs in Worpswede. „Paula Modersohn-Becker und Weggefährtinnen wie ihre enge Freundin Clara Westhoff repräsentierten mit ihrer beharrlichen Suche nach einem selbstbestimmten Weg einen Gegenentwurf zu dieser Vorstellung männlicher Dominanz.“
So fuhr Paula gegen den Widerstand ihrer Eltern nach Berlin, um dort das Zeichnen zu lernen. 1897 entdeckte sie bei einem Ausflug Worpswede am Teufelsmoor bei Bremen und war tief beeindruckt von der Landschaft mit dem hoch gespannten Himmel, mit leuchtenden Birken, geheimnisvollem Licht und dem einfachen bäuerlichen Leben. „Ein Wunderland, ein Götterland“, schwärmte die damals 21-Jährige.
Wenig später siedelte sie über und schloss sich der Künstlerkolonie um Heinrich Vogeler, Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende und Fritz Overbeck an. „Dieses Worpswede soll der Zugezogenen Heimat werden, aber ganz dazugehören wird sie nie – weder zu den Bauern noch zu den Künstlern“, schreibt der Kunsthistoriker Boris von Brauchitsch in seiner neuen Biografie. Und ergänzt: „Nur ihr Werk hat hier ihre Wurzeln.“
Und was für ein Werk: Bis zu ihrem frühen Tod 1907 schuf sie rund 750 Bilder. Dazu weit mehr als 1.000 Zeichnungen, mit denen sie ihre Gemälde vorbereitete und auf denen die Radikalität ihrer Kunst am deutlichsten hervortritt. Wie sehr sie damit auf Unverständnis stieß, belegt unter anderem eine Tagebuchaufzeichnung ihres Ehemannes Otto Modersohn aus dem September 1903: „Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins.“
Die heranreifende Künstlerin, von den Nationalsozialisten später als „entartet“ diffamiert, ließ sich trotz teils vernichtender Kritik auf ihrem Weg in die Moderne nicht beirren. Sie arbeitete wie im Rausch, beseelt von einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Doch schon im Juli 1900 hatte sie eine Todesahnung. „Ich weiß, ich werde nicht sehr lange leben“, vertraute sie ihrem Tagebuch an. Und schrieb weiter: „Aber ist das denn traurig? Ist ein Fest schöner, weil es länger ist? Und mein Leben ist ein Fest, ein kurzes intensives Fest.“
In diesem Fest spielte Paris eine zentrale Rolle. „In der Ferne glüht, leuchtet Paris“, schrieb sie im September 1898 an ihre Tante. „Ich fühle eine neue Welt in mir erstehen“, notierte sie dann 1900 bei ihrer ersten Reise an die Seine. Mehrfach kam sie in die Kunstmetropole, suchte angeregt etwa durch die Werke von Manet, Courbet, Cézanne, van Gogh und Gauguin „die große Einfachheit der Form“.
Wenn sie drei gute Bilder gemalt habe, wolle sie gerne scheiden, hatte sich Paula Modersohn-Becker vorgenommen. Aber was hätte aus ihr werden können, hätte sie länger gelebt? Gustav Pauli (1866-1938), Direktor der Kunsthalle Bremen und Paula Modersohn-Beckers erster institutioneller Förderer, nannte sie 1919 eine „früh Vollendete“ auf dem Weg in eine Zukunft „die voller Verheißung vor ihr lag, als sie die Augen schloß“.
Zu Lebzeiten hat sie nur drei Bilder verkauft, es gab nur zwei Ausstellungsbeteiligungen. Viele Arbeiten hatte sie im Atelier gehütet, ohne sie öffentlich zu zeigen. 1927, 20 Jahre nach ihrem Tod, wurde in der Bremer Böttcherstraße das heutige Paula Modersohn-Becker Museum eröffnet – das erste einer Malerin gewidmete Museum weltweit. Zu den Hauptwerken gehört das „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“, der erste Selbstakt einer Malerin in der Kunstgeschichte.
Paula Modersohn-Becker habe dem Publikum auch heute noch etwas zu sagen, findet Frank Schmidt, Direktor des Paula Modersohn-Becker Museums. „Ihr Selbstvertrauen, die Überzeugung, den eigenen Weg gehen zu wollen, sich Neues anzueignen und einen eigenen Stil zu entwickeln, damit ist sie Vorbild“, bekräftigt der Kunsthistoriker.
Am 2. November 1907 brachte Paula Modersohn-Becker ihre Tochter Mathilde zur Welt, am 20. November durfte sie zum ersten Mal seit der Geburt wieder aufstehen. Kerzen wurden angezündet, sie setzte sich in einen Lehnstuhl, ließ sich ihre Tochter in die Arme legen. Plötzlich ein paar schwere Atemzüge – Paula Modersohn-Becker starb an diesem Tag im Alter von 31 Jahren an einer Embolie. Zwei letzte Worte von ihr sind überliefert: „Wie schade.“