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Serien-Tipp: „Ku’damm“- Rückkehr ins Jahr 1977

Auch in der vierten Staffel wirft die ZDF-Serie „Ku’damm“ ein fiktionales, aber dennoch realistisches Schlaglicht auf die Unzumutbarkeit, eine Frau zu sein. Eine Mahnung zur richtigen Zeit.

„Ku’damm ’77“ bricht mit der Nostalgie der Nachkriegsjahre und legt die hässlichen Kontinuitäten deutscher Geschichte offen
„Ku’damm ’77“ bricht mit der Nostalgie der Nachkriegsjahre und legt die hässlichen Kontinuitäten deutscher Geschichte offenZDF/Benjamin Wachenje

Mit der deutschen Nachkriegsgeschichte ist das so eine Sache. Einerseits weiß man ja, dass das auch Jahrzehnte nach dem Kriegsende keine rosigen Zeiten waren. Andererseits sehnen sich heute – angesichts komplexer globaler Krisen – viele trotzdem zurück in eine Zeit, in der vieles gefühlt einfacher war. Zumindest in Wirtschaftswunder-Westdeutschland.

Doch schon in den ersten drei Staffeln gestattete die ZDF-“Ku’damm”-Reihe den Zuschauern keine solche Nostalgie. Die Geschichte von Caterina Schöllack (Claudia Michelsen) und ihren drei Töchtern Monika (Sonja Gerhardt), Helga (Maria Ehrich) und Eva (Emilia Schüle), die nach dem Krieg am Berliner Kurfürstendamm eine Tanzschule betreiben, spricht immer wieder auch die Themen an, über die Deutschland in den Jahren und Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg nur ungerne gesprochen hat.

Im Mittelpunkt stehen auch in der vierten Staffel, die nach den Jahren 1956, 1959 und 1963 nun einen deutlich größeren Zeitsprung ins Jahr 1977 hinlegt, die Frauen der Familie Schöllack. Monika hat die Musik an den Nagel gehängt und ist ganz auf die Tanz-Karriere ihrer Tochter Dorli konzentriert. Helga ist nach dem Abgang ihres Mannes in den Osten alleinstehend und führt das Ruder in der Tanzschule, während Eva nach dem Tod ihres gewalttätigen Ehemanns, für den sie wegen Totschlags verurteilt worden war, noch im Gefängnis sitzt. Die neue Generation, Dorli (Carlotta Bähre) und Helgas Tochter Friederike (Marie Louise Albertine Becker), schlagen sich wie ihre Mütter und auch wie ihre Großmutter weiterhin mit der fehlenden Gleichberechtigung herum.

Unerträglicher Antisemitismus

Die Zumutungen, die Deutschland für Frauen, nicht heterosexuelle und migrantische Menschen bereithielt (und immer noch bereithält), bilden auch in der vierten Staffel eines der Hauptthemen. Stärker als in den vergangenen Staffeln wird der – auch in der Familie Schöllack – grassierende, für den Zuschauer beinahe unerträgliche Antisemitismus thematisiert, der Deutschland auch nach der Nazi-Zeit tief geprägt hat (und immer noch prägt). Dass Caterina die Tanzschule mit ihrem Mann unter dubiosen Umständen in den Dreißigerjahren von einer jüdischen Familie übernommen hat, wusste das Publikum bereits. Nun holt sie diese Geschichte ein – und ihre Reaktion darauf spricht Bände.

Sentimentale Stimmung im Wohnzimmer der Schöllack-Frauen. Monika Franck-Schöllack (Sonja Gerhardt, l.), Caterina Schöllack (Claudia Michelsen, 2.v.l.) und Helga von Boost (Maria Ehrich, r.) schwelgen in Erinnerungen mit einem Fotoalbum
Sentimentale Stimmung im Wohnzimmer der Schöllack-Frauen. Monika Franck-Schöllack (Sonja Gerhardt, l.), Caterina Schöllack (Claudia Michelsen, 2.v.l.) und Helga von Boost (Maria Ehrich, r.) schwelgen in Erinnerungen mit einem FotoalbumZDF und Conny Klein

Auch die Situation der geteilten Stadt blitzt hin und wieder auf. Helgas Ex-Mann Wolfgang von Boost war in den Osten gegangen, um seinen Liebhaber zu suchen. Nun arbeitet er dort als Anwalt, ist frisch verliebt und gibt seiner Tochter bei deren regelmäßigen Besuchen erfrischend entspannte Ratschläge. Doch da auch die Situation im Osten in jenen Jahren keineswegs zum Zurücklehnen einlud, hält auch Wolfgangs Glück nicht lange an.

Wie auch in den vergangenen Staffeln ist „Ku’damm ’77“ aber ganz eindeutig eine westdeutsche Geschichte, entsprechend holzschnittartig geraten die Erzählstränge, die mit der DDR zusammenhängen. Das ist verschmerzbar, sofern man eben kein Nachkriegsporträt von Gesamt-Deutschland erwartet.

Bemühte Plot-Twists

Was deutlich störender ins Gewicht fällt, ist der Versuch, die Geschichte um Familie Schöllack mit mehr überraschenden Plot-Twists, mehr Hintergrund-Storys und mehr Erklärungen anzureichern, um das Verhalten der Figuren plausibel zu machen. Die geraten oftmals sehr bemüht und sind für das Publikum arg durchsichtig.

Sehenswert ist die vierte Staffel dennoch. Denn in ihren starken Momenten besinnt sie sich auf ihre Kernkompetenz: auch jenen eingangs erwähnten Nostalgikern in Erinnerung zu rufen, wie unzumutbar es in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten war, eine Frau zu sein. Wie die Zwänge des Patriarchats nicht nur Männer korrumpieren, die eigentlich keine Schweine sein wollen, sondern auch Frauen dazu bringen, sich gegenseitig die furchtbarsten Dinge anzutun.

Dr. Hannes Mikusch (Florian Stetter, l.) und Wolfgang von Boost (August Wittgenstein, r.) sprechen über Alkoholsucht
Dr. Hannes Mikusch (Florian Stetter, l.) und Wolfgang von Boost (August Wittgenstein, r.) sprechen über AlkoholsuchtZDF/Conny Klein

Mütter, die ihre Töchter zwingen, ihre Vergewaltiger zu heiraten. Mütter, für die nur die Ehe als Lebensentwurf zählt – ganz gleich, welche Untaten die Ehemänner ihren Frauen antun und welche Ambitionen Frauen für ihr Leben haben. Mütter, die ihren schwangeren Töchtern die Tür weisen, weil das Kind unehelich ist. Schwestern, die sich gegenseitig die Kinder wegnehmen. Die Grausamkeiten, die in der „Ku’damm“-Serie im Namen des Anstands begangen werden, dürften gerade jüngere Zuschauer fassungslos zurücklassen – vor allem weil sie so alltäglich wirken.

Deutschlands hässliches Antlitz

Und so bröckelt die ach so bürgerliche Fassade Nachkriegsdeutschlands. Die Bigotterie, die Scheinheiligkeit, die Unbarmherzigkeit, mit der gesellschaftliche Regeln durchgesetzt werden sollen, kehrt ein hässliches Antlitz Deutschlands hervor, das eigentlich nie versteckt war. Dass es den Figuren hin und wieder mit viel Mühe gelingt, die Fesseln der Erziehung und der Prägung zu sprengen, kann aber doch Hoffnung auf gesellschaftlichen Fortschritte machen.

Sinnbildlich dafür steht bei „Ku’damm ’77“ wieder einmal die Musik. Während es in den Fünfzigerjahren der unerhörte Rock’n’Roll war, der die Gemüter zum Kochen brachte, gehört der in den Siebzigern schon ganz selbstverständlich dazu – ohne, dass das Abendland deswegen untergegangen wäre. Jetzt ist es der Oud-Spieler Sharif (Aziz Dyab), der Caterina mit seinen orientalischen Klängen so sehr zur Weißglut treibt, dass die ihn zwischenzeitlich sogar verhaften lässt. Und dann ist da natürlich noch diese unerträgliche Disko-Musik…

Musik und Popkultur als Parabel, dass die Gesellschaft zum Wandel imstande ist, und eine angesichts dessen unerträglich zähe Entwicklung in Sachen Gleichberechtigung machen auch die vierte Staffel von der „Ku’damm“-Reihe zu einem interessanten Fernseherlebnis. Ein Fernseherlebnis, das Deutschland angesichts der Rückschritte bei Diversität und Sensibilität für Minderheiten vielleicht so dringend braucht wie selten zuvor.

„Ku’damm ’77“, Regie: Maurice Hübner, ZDF, ab 12.01.26, 20.15 Uhr, bereits jetzt in der ZDF-Mediathek verfügbar.