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Kfz-Kennzeichen als Identitätsmerkmal

Braunschweiger („BS“) gelten als „Besengte Sau“ oder „Bald Schrott“, Wolfenbüttler (WF„) als “Wilde Fahrer„. “Guck mal, ein Wilder ohne Bildung„, rufen manche Autofahrende, wenn sie ein Auto mit Wolfsburger “WOB„-Kennzeichen überholen. Wer ein “WL„ für Winsen/Luhe auf dem Nummernschild hat, ist verschrien als “Wilder Landwirt„ und in Oldenburg fahren offenbar besonders viele “Olle Lümmel„ (“OL”).

Ähnlich wie im Norden geht es in anderen Teilen der Republik zu: Autofahrende aus Koblenz („KO“) in Rheinland-Pfalz haben angeblich „Keine Orientierung“, Menschen aus dem hessischen Offenbach („OF“) fahren „Ohne Führerschein“ und im nordrhein-westfälischen Coesfeld („COE“) herrscht auf den Straßen „Chaos ohne Ende“.

„Im dichten Straßenverkehr beschäftigen sich Autofahrer mit dem Auto vor ihnen. Dazu gehört auch das Kennzeichen“, sagt Karl-Friedrich Voss, Verkehrspsychologe aus Hannover und Vorsitzender des Bundesverbands Niedergelassener Verkehrspsychologen. Um eine Erklärung für das Fahrverhalten zu erzeugen, würden Autofahrende Kfz-Kennzeichen „entschlüsseln“, etwa indem sie aus „NRÜ“ für Neustadt am Rübenberge in der Region Hannover „Nur rechts überholen“ machten. „Das geschah wohl auch in Hamburg mit Kennzeichen aus dem Umland“, sagt Voss mit Blick auf „WL“.

Ortskundigen, die das Kennzeichen eines ortsfremden Autos so interpretieren, gehe es „nicht um das Diffamieren, sondern um eine subjektive Erklärung für ein auffälliges Verhalten eines Autofahrers“, erläutert Voss. „Das nennt man auch Kausalattribuierung.“ Der Ortskundige etwa kenne die Standorte der Blitzgeräte und könne sich deshalb an allen anderen Stellen zu schnell im Straßenverkehr bewegen, während ortsfremde Autofahrende aufgrund mangelnder Kenntnis, wo die Blitzer stehen, allgemein langsamer fahren würden. „Erklärungen – auch scheinbare – dienen der Beruhigung und Entspannung“, sagt Voss.

Während das Ortskürzel amtlich festgelegt ist, bestehen bei den nachfolgenden Buchstaben- und Zahlenkombinationen Wahlmöglichkeiten. Die Reservierung entsprechender Wunschkennzeichen ist bei Autofahrenden beliebt. Neben den persönlichen Initialen im Buchstaben- erfreuen sich etwa Geburtsdaten im Zahlenfeld großer Nachfrage.

„Viele Autofahrer identifizieren sich mit ihrem Fahrzeug, und sie wollen offenbar auch von anderen im Straßenverkehr erkannt werden“, sagt Voss. „Hinter dieser Praxis verbirgt sich der Umstand, dass Begegnungen im Straßenverkehr recht anonym ablaufen.“ Initialen und Geburtstage schafften „einen Ersatz für eine persönliche Begegnung, weil der Fahrer leichter zu erkennen ist“.

Im schleswig-holsteinischen Kreis Dithmarschen mit Heide als Verwaltungssitz lassen sich einige Vornamen dank des Ortskürzels „HEI“ sogar komplett darstellen: Sowohl die Männernamen „HEI-NO“ und „HEI-NI“ als auch die Frauennamen „HEI-KE“ und „HEI-DI“ auf dem Kennzeichen seien dort sehr beliebt, sagt Dithmarschens Kreissprecherin Sabrina Fock.

Ein paar Ecken weiter im Norden, im Kreis Segeberg, geht es frivol zu: „SE-X“ und „SE-XY“ sind dort möglich. Zwar dürfen Kfz-Kennzeichen in Deutschland gemäß Verordnung nicht gegen die „guten Sitten“ verstoßen. Die Segeberger Kreissprecherin Sabrina Müller betont aber: „Bei den Kombinationen X und XY handelt es sich aus unserer Sicht ganz deutlich nicht um Sittenwidrigkeit.“

Ähnlich kultig wie „SE-XY“ klingt die im niedersächsischen Rotenburg/Wümme mögliche Kombination „ROW-DY“. Verkehrspsychologe Voss relativiert: „Eigene Bezeichnungen für den Fahrer stellen eine Erweiterung dar, die sich wohl mehr aus dem Buchstaben-Potenzial ergibt als aus dem, was der Fahrer oder das Auto wirklich zu bieten hat.“

Fromm sind manche Christen unterwegs. „JC“ seien die Initialen für Jesus Christus, „AO“ stehe für Alpha und Omega, den ersten und den letzten Buchstaben des griechischen Alphabets, und damit als Symbol für Christus als Anfang und Ende aller Dinge, sagt Dieter Schulz, Sprecher der evangelischen Nordkirche. Zwar lägen ihm keine Belege vor, aufgrund der christlichen Bedeutung lasse sich aber folgern, dass Autofahrende, die sich für „JC“ oder „AO“ auf dem Nummernschild entscheiden, „damit ihren christlichen Glauben bezeugen“.

Wer lieber dem Fußball-Gott huldigt und den Hamburger Sportverein liebt, reserviert ein Kfz-Kennzeichen entweder mit „HH-SV“ oder mit „1887“. Die Zahl steht für das Gründungsjahr des HSV und ermöglicht es auch Fans außerhalb von Hamburg, ihre Liebe zum Verein auf dem Nummernschild zu zeigen. Das wohl kultigste aller HSV-Kennzeichen ziert den HSV-Mannschaftsbus: Er fährt seit Oktober 2017 mit der Kombi „HH-SV 1887“ durch die Gegend.