Juden wieder unerwünscht? Israels Botschafter warnt vor einer schleichenden Verdrängung. Gewalt gegen Juden schockiere viele kaum noch. Polizisten vor jüdischen Kindergärten seien bereits die letzte Verteidigungslinie.
Zum Holocaust-Gedenktag warnt Israels Botschafter in Deutschland, Ron Prosor, vor einer zunehmenden Dämonisierung des jüdischen Staates und vor einer Verdrängung jüdischen Lebens aus der Öffentlichkeit.
“Der Holocaust begann nicht in Auschwitz, sondern damit, dass Juden aus dem öffentlichen Raum verdrängt wurden – lange bevor die Nazis dies in Gesetzesform gossen”, schrieb er in einem Gastbeitrag für die “Frankfurter Allgemeine Zeitung”: “Und wenn die heutigen Tendenzen anhalten, droht der öffentliche Raum wieder ‘judenrein’ zu werden.”
Dass die Luft zum Atmen für Juden weltweit dünner werde, sei leider nichts Neues. Wer jüdische oder israelische Freunde habe, wisse seit Jahren, dass sie “unter ständiger Anspannung stehen, wenn sie den Davidstern tragen, oder genau wissen, wo sie besser kein Hebräisch sprechen”.
Doch 2025 habe sich etwas verändert, fügte Prosor hinzu. Von Jom Kippur in Manchester bis Chanukka in Sydney seien Juden an ihren Feiertagen erschossen worden, weil sie Juden waren. Auf der anderen Seite seien die letzten Anschläge auf Synagogen wie zum Beispiel im hessischen Gießen kaum noch eine Schlagzeile wert gewesen.
Auch vor hundert Jahren seien es zunächst Einzeltäter gewesen, warnte Prosor weiter: “Lange bevor die Gewalt gegen Juden staatlich organisiert wurde, schritten die Radikalen zur Tat. Das konnten sie nur, weil viele andere dies ignorierten oder tolerierten. Ich fürchte, an diesem Punkt sind wir wieder angelangt.”
2026 sei nicht 1933, so der Botschafter weiter. Juden hätten einen eigenen Staat, und auch Deutschlands Regierung trete für jüdisches Leben ein: “Doch Polizisten vor jüdischen Kindergärten und der israelischen Botschaft sind bereits die letzte Verteidigungslinie.”
Die Dämonisierung des jüdischen Staates habe “Antisemitismus salonfähig gemacht. Und zwar weit in die gesellschaftliche Mitte hinein.” Dazu gehörten zum Beispiel jene, die Anschläge gegen Juden nicht verurteilen könnten, ohne im selben Atemzug eine Verbindung zu Israel herzustellen.
“Selbstverständlich kann man die Politik Israels kritisieren – aber ohne einem ganzen Volk das Existenzrecht abzusprechen”, ergänzte Prosor. Doch zu viele Menschen akzeptierten heute, aus welchen Gründen auch immer, dass “etliche zivilisatorische Mindeststandards nicht uneingeschränkt für Juden und ihren Staat gelten. Das ist es, was den heutigen Gedenktag, 81 Jahre nach dem Holocaust, von vorangegangenen unterscheidet.”