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Islamisten, bewaffnete Banden und Armut – Das sind Nigerias Konflikte

Afrikas bevölkerungsreichster Staat mit zahlreichen Konflikten. Das ist Nigeria. Mittlerweile sind dort mindestens vier islamistische Gruppen aktiv. Betroffen von der Gewalt ist meist die Dorfbevölkerung.

Die Gewalt in Nigeria nimmt kein Ende. Im Norden verüben islamistische Gruppen Anschläge; bewaffnete Banden wollen mit Entführungen Lösegeld erpressen. Im Konflikt zwischen Farmern und Viehhirten bleibt vieles unklar. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) beantwortet Fragen zu den Krisen in Afrikas Riesenstaat.

Betroffen ist seit jeher die Landbevölkerung; derzeit vor allem im Norden sowie in Zentralnigeria, dem Middle Belt. In den vergangenen Monaten sind wieder gezielt Schulen überfallen worden, etwa am 21. November 2025 die katholische Schule St. Mary im Bistum Kontagora. Die rund 320 entführten Schüler und Lehrkräfte sind mittlerweile freigekommen. Ein hohes Entführungsrisiko gibt es zeitweilig auch für Reisende bei Überlandfahrten. Ebenfalls betroffen: Bauern, die ihre Felder bestellen.

Dort sind kaum Sicherheitskräfte präsent; die wenigen sind schlecht ausgestattet. Nach Angaben der nigerianischen Polizei gibt es zwischen 370.000 und 400.000 Polizisten – bei geschätzt mehr als 235 Millionen Einwohnern. Um effektiv zu arbeiten, müssten es eigenen Angaben zufolge rund 2,5 Millionen sein. Auch haben Schulen in der Vergangenheit berichtet, Sicherheitskräfte – darunter auch Polizisten – selbst bezahlen zu müssen.

Verschiedene Organisationen wie auch US-Präsident Donald Trump sprechen zwar von Christenverfolgung. Unter den Opfern sind aber ebenfalls Muslime, etwa wenn im Norden Bauern angegriffen werden. Auch explodierte an Heiligabend ein Sprengsatz vor einer Moschee in Maiduguri, Hauptstadt des Bundesstaates Borno im Nordosten. Fünf Menschen starben.

Aktiv in Nigeria sind nach Beobachtung von Experten mindestens vier islamistische Gruppen: ISWAP, der Islamische Staat in der Westafrikanischen Provinz, der auch als ISSP, Islamischer Staat in der Sahel Provinz, bezeichnet wird; dann die nigerianische Gruppe Boko Haram, auch als “Gruppe der Anhänger der Sunna für Dawah und Jihad” (JAS) bekannt, sowie Ansaru mit Verbindungen zur Al-Kaida und neuerdings Lakurawa.

Beide verüben vorwiegend im Nordosten Anschläge. ISWAP spaltete sich 2016 von Boko Haram, die der charismatische Prediger Mohammed Yusuf 2002 gegründet hatte. Er übte anfangs scharfe Kritik an korrupten politischen Eliten und hatte selbst Kontakte in die Politik. Die Hoffnung, dass sich die ISWAP und Boko Haram nach der Trennung durch Machtkämpfe gegenseitig schwächen, hat sich nicht erfüllt.

Der Name der Gruppe tauchte um das Jahr 2012 auf; sie galt ebenfalls als Abspaltung von Boko Haram. Knapp zehn Jahre lang gab es kaum Informationen. Die Vermutung lag nahe, dass sich Ansaru ganz aufgelöst hat. 2022 betonte sie überraschend ihre Verbindung zur Al-Kaida und somit auch zur “Gruppe für die Unterstützung des Islams und der Muslime” (JNIM), die sich 2017 in Mali gegründet hatte. Damit wird klar, welche Verflechtungen heute bestehen. Das Einflussgebiet von Ansaru liegt Beobachtern zufolge im Nordwesten, der lange als verhältnismäßig stabil galt.

Erst 2025 erklärte Nigerias Regierung sie zu einer Terrororganisation. Informationen zufolge greift die noch recht neue islamistische Miliz Dörfer im Nordwesten sowie im nördlichen Nachbarland Niger an. Anfangs sollen die Anhänger Schutz vor umherziehenden Banden geboten haben. Mittlerweile setzen sie rigide Strafen ein, etwa wenn Bewohner per Handy Musik hören. Das sei unislamisch.

Bekannt ist, dass sie einen radikal-konservativen Islam einfordern, aber auch staatliche Einrichtungen angreifen. Sie übernehmen auch die Kontrolle einzelner Gemeinden und dort Aufgaben des Staates, etwa die Kontrolle der Märkte. Entführungen kommen Zwangsrekrutierungen gleich, dienen aber auch der Erpressung von Lösegeld. Seit Jahren wird zudem davon ausgegangen, dass es Verbindungen zwischen Terrorgruppen und dem Drogenhandel gibt.

Videobotschaften von den mutmaßlichen Tätern gibt es heute so gut wie nie, stattdessen Spekulationen. Oft bleibt auch unklar, ob es sich um eine islamistische Gruppierung handelt oder um eine kriminelle Bande.

Banden haben keine zentrale Führung und verfolgen keine Ideologie. Oft erpressen sie mit Entführungen Lösegeld. Vor allem im Nordwesten sind sie auch für Viehdiebstahl verantwortlich. Der Sturz des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi spülte ab 2011 zahlreiche Waffen in westafrikanische Länder wie auch zurückkehrende Söldner, was ebenfalls Konflikte verschärfte.

Ausgetragen wird dieser meist im Middle Belt. Christliche Meinungsführer sprechen heute von einem Dschihad und argumentieren, die muslimischen Viehhirten der Ethnie der Fulani – und ihre Hintermänner – würden den Islam in Richtung Süden ausbreiten wollen. Anderen Beobachtern zufolge handelt es sich um einen Ressourcenkonflikt. Flächen beanspruchen sowohl überwiegend muslimische Viehbesitzer und ihre Hirten wie zumeist christliche Bauern, die Felder bestellen. Nigeria wächst jedes Jahr etwa um die Bevölkerung von Dänemark. Land wird vielerorts zum kostbaren Gut.

Beobachtern zufolge nein, weil Ursachen bestehen bleiben. Neben der unzureichenden Sicherheitsarchitektur gehören die Vernachlässigung des ländlichen Raumes, mangelnde Infrastruktur, fehlendes Vertrauen in den Staat mit seinen Institutionen sowie Armut und Perspektivlosigkeit dazu. Auch der Klimawandel gewinnt an Bedeutung. Wenn etwa Felder nicht mehr bestellt werden können, wächst der Druck, andere Einnahmemöglichkeiten zu finden.