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Experte: Esoterik wird psychologischer – Übernatürliches schwindet

Technischer Fortschritt macht Religion für viele Menschen entbehrlich, sagt ein Religionssoziologe. Zugleich bleibt der Wunsch nach Sinn bestehen. Das zeige sich auch im Megatrend #mentalhealth.

Statt an übernatürliche Mächte glauben Menschen mehr an Selbstbewusstsein und inneres Wachstum (Symbolbild)
Statt an übernatürliche Mächte glauben Menschen mehr an Selbstbewusstsein und inneres Wachstum (Symbolbild)Imago / UIG

Religion spielt für viele Menschen hierzulande eine immer geringere Rolle – allerdings nicht wegen fehlender Sinnsuche: Der Schweizer Religionssoziologe Jörg Stolz führt den Rückgang religiöser Praxis vor allem auf gesellschaftlichen Fortschritt zurück. Technische und wissenschaftliche Entwicklungen hätten viele Lebensprobleme, die früher religiös gedeutet wurden, inzwischen lösbar gemacht.

Wandel der Spiritualität in einer säkularen Gesellschaft

Krankheit, Sicherheit oder Wetter seien lange Zeit Felder religiöser Sinngebung gewesen, erklärte Stolz in einem veröffentlichten Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Mit Biomedizin, Versicherungen, moderner Wissenschaft und der Meteorologie habe sich dies grundlegend verändert. Religion werde dadurch für viele Menschen entbehrlich. Stolz versteht Spiritualität demnach weiter gefasst als Religion. Sie müsse sich nicht zwingend auf Gott beziehen, sondern könne auch in der Natur, in persönlichen Werten oder im eigenen Lebensgefühl verankert sein.

Psychologische Deutung prägt moderne Spiritualität

Auch esoterische Angebote zählt der Experte zu dieser Form von Spiritualität. Dabei beobachtet er eine Veränderung “hin zur Psychologisierung und Moralisierung”. Der Bereich des Übernatürlichen schwinde tendenziell: Statt von Geistern oder geheimen Kräften zu sprechen, würden Erfahrungen heute häufig psychologisch erklärt. “Man glaubt nicht mehr, Gedanken kontrollieren zu können, sondern freut sich über besseres Selbstbewusstsein.” Wer früher von einer Erscheinung gesprochen hätte, rede nun eher von einer inneren Eingebung. Ziele seien zumeist ein besseres Selbstverständnis, mehr innere Ruhe oder persönliches Wachstum.

Wie Spiritualität auch neue Zugänge zum Glauben schafft

Für die Kirchen sieht Stolz indes weiterhin Chancen: Gefragt seien Räume, in denen Menschen unabhängig von ihrer Leistung angenommen würden. Als Beispiele nannte er Meditation oder sogenannte spirituelle Heilung.