Die Bibel ist ein sperriges Buch. Ihre Texte sind uralt und manchmal widersprüchlich. Und doch gehört sie bis heute zu den einflussreichsten Textsammlungen der Menschheitsgeschichte – immer wieder gelesen, ausgelegt, auch missverstanden und missbraucht. Wer nach ihrer Hauptbotschaft fragt, muss sich zunächst von der Erwartung verabschieden, dass sie ein geschlossenes Weltbild liefert oder gar ein Handbuch für einfache Antworten in allen Lebenslagen ist.
Wer die Bibel und ihre Botschaft für sich entdecken will, muss sich hineinlesen in die vielen Facetten der großen Geschichte einer Liebesbeziehung, der Liebesbeziehung von dem Schöpfer der Welt zu seinen Geschöpfen, den Menschen.
Bibel kennt keinen unbeteiligten Gott
Und so erzählt die Bibel von einem Gott, der zu seinen menschlichen Geschöpfen den Kontakt sucht. Nicht von oben herab, nicht unberührt von der Welt, sondern mitten in ihr. Die Bibel kennt keinen unbeteiligten Gott. Ihr Gott ist einer, der hört, sieht, zornig wird, sich erbarmen lässt, der verspricht und treu bleibt – auch dann, wenn die Menschen es nicht sind. Diese Bewegung der göttlichen Zuwendung und Liebe durchzieht die Bibel, so unterschiedlich die einzelnen Bücher auch sind, von der ersten bis zur letzten Seite.

Dass es um eine Liebesgeschichte geht, wird schon zu Beginn deutlich: Die Welt ist kein Zufallsprodukt, sondern gewollt. Der Mensch ist nicht Marionette eines allgewaltigen Gottes, sondern sein Ebenbild und sein Gegenüber. Das kann er nur sein, in dem er Freiheit und damit Verantwortung für sich und die Welt zugesprochen bekommt. Daher bezieht er seine Würde.
Doch diese Freiheit ist auch die Freiheit, sich dieser Liebe Gottes zu verweigern. Der Mensch kann sich Gott entziehen, Verantwortung abwälzen, Schuld auf andere schieben. Die Geschichten vom Sündenfall, von Kain und Abel, von der Sintflut oder vom Turmbau zu Babel sind keine moralischen Lehrstücke, sondern beschreiben uns Menschen, wie wir sind, von Anfang an bis heute.
Bibel erzählt auch von Enttäuschungen
Damit steht die Bibel gegen ein Menschenbild, das von einer stetigen moralischen Verbesserung durch die Jahrtausende ausgeht. Die Bibel erzählt vielmehr davon, wie der Schöpfer trotz ständiger Enttäuschung uns Menschen in unserer Widersprüchlichkeit nicht nur aushält, sondern seine Liebe aufrechterhält. Der Theologe Eberhard Jüngel hat es in seinem Werk „Gott als Geheimnis der Welt“ auf den knappen Satz gebracht: „Gott hat sich zur Liebe definiert“.
Zwei Grunderfahrungen von Menschen mit dieser Liebe Gottes bilden den Kern der beiden großen Teile der Bibel: Für die hebräische Bibel, für Christen das Alte Testament, ist es die Befreiung der Mose-Schar aus der ägyptischen Knechtschaft. Für das Neue Testament ist es die Erfahrung der Jünger am Ostertag, dass dieser Jesus von Nazareth mit seiner Botschaft von der Liebe Gottes nicht gescheitert ist, sondern dass in ihm Gott selbst gewirkt hat und weiter wirkt. Um diese beiden Grunderfahrungen herum haben die verschiedenen Redakteure der Heiligen Schrift die mündlich überlieferten oder schriftlich festgehaltenen Erfahrungen mit diesem Gott gesammelt und geordnet.

Damit bekommt diese Liebesgeschichte auch eine gesellschaftspolitische Kraft: Dieser Gott ist einer, der Partei ergreift für die Versklavten, die Entrechteten, die Stimmlosen. Er ist kein Garant bestehender menschlicher Ordnungen, im Gegenteil: Immer, wenn diese unmenschlich und lebensfeindlich werden, erhebt er Anklage. Und so erinnert er immer wieder durch seine Boten daran, dass der Glaube an ihn sowie Gerechtigkeit und Nächstenliebe untrennbar zusammengehören. Die Bibel kennt keine unpolitische Frömmigkeit.
Auch nicht im Neuen Testament. Die Botschaft, die Jesus mit seinem Leben und seinen Gleichnissen verkündet, verschieben den Blick auf die Welt: Die Letzten werden Erste, Schuldige erfahren Vergebung, Verlorene werden gesucht. In Jesus überschreitet Gott religiöse und gesellschaftliche Grenzen, stellt Reinheitsgebote infrage, konfrontiert religiöse Eliten. Selbst die scheinbar unpolitische Antwort Jesu beim Verhör durch Pilatus im Johannesevangelium, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, ist hochpolitisch: Denn sie zeigt, dass Gott in Jesus nicht als Machtinstanz auftritt, sondern als verletzbarer Mensch.
Bibel liefert keine schnellen Antworten
Das Kreuz ist die Konsequenz dieser Haltung. Es legt offen, wie die Welt mit radikaler Liebe umgeht. Das ist der eigentliche Skandal des Christentums. Denn damit werden die scheinbar unverrückbaren, endgültigen Machtstrukturen von Oben und Unten durch Gott selbst in Frage gestellt. Der Logik des Endgültigen widersprechen dann auch in besonderer Weise die Erzählungen von der Auferstehung Jesu, denn sie zeigen: Gottes Liebe reicht weiter als der Tod.
Was bedeutet das für heute? Die Bibel liefert keine schnellen Antworten auf komplexe Fragen moderner Gesellschaften. Aber sie schärft den Blick. Sie stellt Grundfragen, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben: Was trägt, wenn Sicherheiten wegbrechen? Woran misst sich menschliche Würde? Wie viel Ungerechtigkeit darf als normal gelten?
Die Bibel fordert ihre Leserinnen und Leser heraus, Stellung zu beziehen. Sie konfrontiert mit der Realität von Schuld und Scheitern – und hält zugleich an der Hoffnung fest, dass Veränderung möglich ist.
In einer Zeit, in der die Sehnsucht nach einfachen Erklärungen und Weltdeutungen wächst, wirkt die Bibel als ein Gegenentwurf. Denn sie ist offen, vielstimmig, manchmal widersprüchlich. Damit fordert sie im Gespräch mit ihr und damit mit Gott immer wieder neu heraus zum Ringen um Antworten und Maßstäbe für das persönliche Leben und das Miteinander.
Und genau darin liegt ihre bleibende Kraft. Wer sie liest, betritt eine Welt voller Erfahrungen, in der der Glaube an einen Gott vor allem eins bedeutet: Das lebenslange Lernen, ihm und seiner Liebe zu vertrauen.
