Am 30. März jährt sich der Todestag des österreichischen Philosophen, Schriftstellers und Kulturreformers Rudolf Steiner zum 100. Mal. „Interessant an Steiner ist, dass er ein Defizit unserer Zeit anspricht und Antworten darauf gibt“, sagte der Autor Wolfgang Müller (Hamburg) dem Evangelischen Pressedienst (epd). Anlässlich des 100. Todestages ist im März im Kröner Verlag (Stuttgart) sein Buch „Das Rätsel Rudolf Steiner. Irritation und Inspiration“ erschienen.
Der Historiker nähert sich der Person und der Weltsicht Steiners von zwei Seiten – mit Wohlwollen und aus kritischer Distanz. Allem voran stellt er den unbedingten Glauben der Jahrhundertwende an den technischen Fortschritt, dem Steiner eine Schattenseite bescheinigte. Der Mensch in Steiners Sicht sei „seelisch ausgezehrt“, sagte Müller. „Er versuchte einen neuen Zugang zu etwas zu finden, was früher Religionen und Mythen abgedeckt haben; einen Zugang, der in unsere Epoche passt“, beschreibt der Historiker das Anliegen Steiners.
Mit der Anthroposophie entwickelte er eine spirituelle Philosophie, die einen umfassenden Blick auf die Welt und den Menschen ermöglichen sollte. Im Kern gehe es um eine Verbindung von naturwissenschaftlich-materieller und geistig-seelischer Welt. Der Mensch sei nach Steiner ein sichtbares Wesen, das unsichtbare Anteile habe, sagte Müller. „Wir können den Menschen und die Welt nicht verstehen ohne diese unsichtbare Seite der Wirklichkeit, wir können auch nicht handeln ohne sie“, führt der Autor die Gedanken Steiners aus. „Für Religionen war es immer klar, dass es diese unsichtbare Welt gibt.“
Ein glaubender Zugang zur Welt habe Steiner jedoch nicht genügt. Er forderte stattdessen einen „forschenden Blick“ auf die „geistige Welt“ ähnlich der Haltung eines Naturwissenschaftlers bei der Erforschung der äußeren, materiellen Welt. Gerade dieses aktive Mitwirken des Menschen in die „geistige Welt“ hinein brachte Steiner bereits zu Lebzeiten Kritik von kirchlicher Seite ein. Es fehle das Vertrauen in die Gnade Gottes, so eine Kritik.
Bis heute kommen Steiner und seine Lehre aus den Schlagzeilen nicht heraus. Unwissenschaftlichkeit und der Vorwurf möglicher sozialdarwinistischer und rassistischer Züge in seinen Schriften wurden seit den 1990er Jahren laut. Während der Corona-Pandemie waren Impfbereitschaft und die Beteiligung an Demonstrationen gegen die Hygienevorschriften Anlass zu Debatten über Vertreter der Anthroposophie.
Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) stuft die Anthroposophie als eine esoterische Weltanschauung ein, die in wichtigen Punkten mit dem christlichen Glauben unvereinbar sei. Und doch übt die „unsichtbare Dimension“, die Steiners Lehre in die Welt bringt, weiterhin eine Anziehung aus.
Konkrete Umsetzung erfuhr die anthroposophische Lehre mit der Eröffnung der ersten Waldorfschule 1919 auf der Uhlandshöhe in Stuttgart. Das Kind sollte nach anthroposophischem Konzept „allseitig“ gefördert werden, mithin ergänzend zum Erlernen von Rechnen, Schreiben und Lesen seine handwerkliche, musische und künstlerische Seite ausbilden. Laut dem Bund der Freien Waldorfschulen gibt es mittlerweile bundesweit über 250 Waldorfschulen.
Es folgten Steiners Vorträge zu einer anthroposophischen Medizin, der biodynamischen Landwirtschaft sowie in seinen letzten Lebensjahren zur spirituell orientierten Heilpädagogik. Menschen suchen auch im Jahr 2025 einen Gegenpol zu Kunstdünger in der Landwirtschaft, einer Verkürzung von Gesundheit auf eine fast nur noch somatisch orientierte Medizin oder einseitigem kognitivem Lernen in der Schule.