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Dampflok-Ära in Schwarz-Weiß: Von Vulkanausbrüchen und Fabeltieren

Was die beiden Lokomotiven auf dem Jingpeng-Pass aufführen, gleicht einem Vulkanausbruch auf Schienen: Mit zusammen rund 8.000 PS schmeißen die Maschinen haushohe Dampfsäulen in die ansonsten glasklare Bergluft der Inneren Mongolei. Zwei Loks der Baureihe QJ – was auf Chinesisch für „Fortschritt“ steht – wuchten auf einer Bergfahrt einen schweren Güterzug über den Pass von Jining nach Tongliao. Stahlkolosse mit je 152 Tonnen Kampfgewicht, die der Bremer Gerhard Richter im Dezember 2003 mit seiner Kamera verfolgt.

Damals war die knapp 1.000 Kilometer lange nordchinesische Jitong-Bahn, auf der die schwarzen Kolosse fuhren, das „Dampfolymp“ für Eisenbahnfreunde aus aller Welt, auch für Gerhard Richter. Es ist gleichzeitig einer der Höhepunkte in einem großformatigen Buch ausschließlich mit stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Fotos, das der Bremer jetzt unter dem Titel „Ferro via“ (italienisch für „Eisenbahn“) veröffentlicht hat – eine Liebeserklärung an die Eisenbahn von damals. „Wo der Arbeitsalltag hart, schmutzig und entbehrungsreich war, aber voll pulsierendem Leben“, wie der Autor es beschreibt.

Gerhard Richter kommt aus einer Eisenbahnerfamilie, Jahrgang 1959. Schon früh geprägt hat ihn die Dampfzeit in den 1960er-Jahren auf der Ost-West-Magistrale zwischen Hamburg, Bremen und dem Ruhrgebiet. „Ich saß im Kindersattel auf dem Rad meines Vaters und war fasziniert von den Dampfloks, die da tosend an uns vorbeifuhren“, erinnert sich der heute 66-Jährige. „Das waren für mich Mischwesen, halb Maschine, halb Fabeltier.“

So blieb es im Grunde auf seinen Fahrten, die er über Jahrzehnte in Europa und Asien unternahm, um zu fotografieren und die Menschen dort kennenzulernen: in Deutschland, Italien, Österreich, Ungarn, auf dem Balkan, in der damaligen Tschechoslowakei, in Rumänien, der West-Ukraine, Spanien, in der Türkei, nach China und Indien. „Unterwegs zu sein, das heißt für mich, sich frei und leicht zu fühlen – bis heute“, sagt er.

Dabei war es ihm wichtig, das Neben- und Miteinander von Menschen, Maschinen, Landschaften und Zügen einzufangen. Dem Fotografen geht es weniger darum, Greif- und Erkennbares abzubilden – umso mehr um Gefühle: atmosphärische Rauchfetzen, Wartende, die vor Schranken vom Dampf eingehüllt werden, vorbeirasende Telegrafenmasten, Unschärfen im Triebwerk einer Dampflok, die eine Ahnung von Dynamik erzeugen.

Protagonisten auf seinen Bildern sind Heizer, Lokführer, oft mit Zigarette im Mundwinkel und zerfurchten Gesichtern, Bremser, Schaffner, Gleispilger. Manchmal auch „Wartesaal-Gespenster“, wie er sie selbst nennt. Und natürlich Passagiere und diejenigen, die an der Strecke leben. „Mir sind so viele Menschen begegnet, die ganz unverstellt auf mich zugegangen sind, mit denen ich essen, trinken, den Alltag erleben durfte, dafür bin ich dankbar“, denkt Richter zurück.

Dabei hat es ihm das Wassertal in den rumänischen Waldkarpaten besonders angetan, das er zum ersten Mal im September 1989 besucht hat. „Vom ersten Tag an zog mich die schmalspurige Waldbahn, ein Fossil aus der Ära des Dampfzeitalters, mit Wucht in ihren Bann“, erinnert sich Gerhard Richter. „Die archaische Arbeitswelt, die raue Natur im Tal der Vaser, ein zupackender, stolzer und selbstbewusster Menschenschlag – alles das überwältigte mich.“ Das tief eingeschnittene Wassertal wurde für ihn zu einem Fluchtpunkt, eine Wohltat für die Seele, „herzzerreißend schön“.

Allerdings fahren auch dort mittlerweile im Regelbetrieb keine Dampflokomotiven mehr, manchmal noch für Touristen. Die Dampflok-Ära, die Gerhard Richter in seinem Buch feiert, ist größtenteils verschwunden, lebt fast nur noch auf Museumsbahnen wie im niedersächsischen Bruchhausen-Vilsen, auf Rügen mit dem „Rasenden Roland“, auf der Brockenbahn im Harz oder auf den Strecken der sächsischen Schmalspurbahnen.

Aber immerhin: Die erste Museums-Eisenbahn Deutschlands von Bruchhausen-Vilsen nach Asendorf, die in diesem Jahr 60 Jahre besteht, besucht Gerhard Richter regelmäßig. „Wer am Haltepunkt Vilser Holz über jemanden stolpert“, sagt er, „der am Wartehäuschen neben einem kleinen angefeuerten Hobo-Ofen sitzt, einen Becher Kaffee in der einen Hand und eine aromatische Robusta-Zigarre in der anderen – das bin mit großer Wahrscheinlichkeit ich.“