Denkt man an die Entwicklung der Atombombe, dann verbindet man mit ihr den Namen J. Robert Oppenheimer (1904-1967) – vor allem seit dem oscarprämierten Film „Oppenheimer“ (2023). Denn er war es, der im Manhattan-Projekt während des Zweiten Weltkriegs in Amerika mit einem riesigen Team die erste nukleare Waffe entwickelte. Weniger bekannt ist dagegen der geistige Vater der Atombombe, Léo Szilárd (1889-1964), über den der Bonner Autor und Journalist Arne Molfenter ein Buch geschrieben hat mit dem Titel „Leó Szilárd. Der Mann hinter der Bombe“, das am 18. März im Stuttgarter Hirzel Verlag erscheint.
Der Physiker Szilárd war der Erste, der die Grundzüge der Kernenergie und der Kernwaffen verstand. Er war es, der seinen Freund Albert Einstein dazu brachte, einen Brief an Franklin D. Roosevelt zu unterschreiben, der den amerikanischen Präsidenten vor der Gefahr warnte, dass die Deutschen eine Atombombe bauen könnten – ein Brief, der mit als Startschuss für die amerikanischen Bemühungen zum Bau von Atomwaffen angesehen wird.
Szilárd erkannte früh die Gefahr der Nationalsozialisten in Deutschland und floh schon im März 1933 aus Deutschland. Dies liegt auch daran, dass er, der aus einer Budapester jüdischen Familie stammte, bereits 1919/20 den aufkommenden Faschismus in Ungarn erlebte. Daraufhin zog er nach Berlin und traf dort in den 1920er Jahren auf die klügsten Physiker ihrer Zeit.
Trotz des Altersunterschieds freundet er sich mit Albert Einstein an und versucht sich bereits als Student an einigen Erfindungen – auch an solch wilden wie einen „Friseurstuhl, der eine elektrische Spannung nutzt, damit Haare nach oben stehen, und einfacher geschnitten werden können“. Insgesamt kommen Szilárd und Einstein in sieben Jahren Zusammenarbeit auf 45 Patente in sechs Ländern, darunter auch ein Patent für einen Kühlschrank. „Alle Anstrengungen eint etwas: Leó Szilárd will die Welt verbessern – womit und wie auch immer“ schreibt Arne Molfenter, der in seinem Buch aus vielen Originalquellen wie Briefen, Telegrammen, Interviews und Büchern zitiert. Bereits mit 23 Jahren erhält Szilárd seinen Doktortitel in Physik, seine Doktorarbeit schreibt er in drei Wochen.
Als Wissenschaftler um den britischen Nobelpreisträger Lord Ernest Rutherford die Neutronen entdecken, lässt Szilárd die Frage nicht mehr los: Wie kann es gelingen, die unglaubliche Energie, die in einem Atomkern steckt, freizusetzen und nutzbar zu machen? An einer roten Ampel kommt ihm im Sommer 1933 die entscheidende Idee: Genauso wie ein Autounfall durch eine Kettenreaktion dafür sorgen kann, dass es zu weiteren Unfällen kommt, so könnte es unter bestimmten Umständen möglich werden, „eine nukleare Kettenreaktion in Gang zu setzen, Energie in industriellen Maßstab freizusetzen und Atombomben zu bauen“.
Doch der Gedanke an eine Atombombe lässt ihn erschaudern: Eine unglaubliche Katastrophe würde geschehen, wenn die Nazis einen Atomkrieg beginnen würden, ist er überzeugt. Er ist der Erste, der das klar erkennt. Und es braucht lange, bis andere seine Sorge teilen. Auch der gemeinsame Brief mit Einstein an Roosevelt im Jahr 1939 ändert nicht direkt etwas. Nach Pearl Habor reißt die US-Armee die gesamte Atom-Forschung an sich. Das „Manhattan-Projekt“ entsteht.
Gemeinsam mit Enrico Fermi und einem Wissenschaftlerteam erzeugt Szilárd am 2. Dezember 1942 die erste Kettenreaktion in einem Reaktor und damit den ersten funktionierenden Atomreaktor. Als ein Ende des Krieges in Sicht ist und klar wird, dass Deutschland nie auch nur annähernd eine Bombe bauen konnte, will Szilárd wieder mit Einsteins Hilfe die US-Regierung davon überzeugen, die amerikanische Bombe auf keinen Fall einzusetzen.
Doch Roosevelt stirbt am 3. Mai 1945. Eine von Szilárd initiierte Petition und der von ihm mitunterschriebene Franck-Report, der sich gegen eine Anwendung der Atombombe in Japan ausspricht, halten den neuen Präsidenten Truman nicht davon ab, ohne Vorwarnung die Atombomben im August 1945 über Japan abzuwerfen. 200.000 Menschen sterben.
Szilárd ist seitdem unermüdlich im Kampf gegen die Atombombe unterwegs, trifft sich mit dem russischen Präsidenten Nikita Chruschtschow und nimmt an den Pugwash-Konferenzen aktiv teil, einem Treffen internationaler Wissenschaftler, die sich für eine Abrüstung einsetzen.
Zwei Jahre vor seinem Tod wird der von Szilárd initiierte „Rat für eine lebenswerte Welt“ gegründet, der unter anderem dafür sorgte, dass 1992 ein US-Atomtestmoratorium eingeführt wurde. Szilárd stirbt am 30. Mai 1964 an einem Herzinfarkt. Die New York Times würdigte ihn als „einen der großen Physiker des Jahrhunderts.“
Im Epilog des Buches nimmt Autor Arne Molfenter die aktuellen Entwicklungen in den Blick und warnt: „Was in unserer Zeit geschieht, hätte Szilárd (…) erneut in große Sorge versetzt. Alle Nuklearmächte (…) geben Milliarden aus, um ihre Atomwaffenbestände zu modernisieren, manche erweitern sogar ihr Arsenal (…). Und so bleibt die Bedrohung durch eine weitere Explosion real und kein Relikt der Vergangenheit.“