Seit 2012 ist Serbien EU-Beitrittskandidat, aber die Verhandlungen stocken. An der wachsenden Unzufriedenheit der Bevölkerung ist aus Sicht von Belgrads Kardinal Nemet auch Brüssel schuld. Die Stimmung bleibe gespannt.
Der serbische Kardinal Ladislav Nemet sieht Erwartungen vieler seiner Landsleute an eine EU-Integration enttäuscht. “Seit Jahren gibt es Verheißungen aus Brüssel, aber keine Entscheidung”, sagte Nemet, Erzbischof von Belgrad, in einem am Montag verbreiteten Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Politisch und wirtschaftlich schwächere Beitrittskandidaten wie Rumänien und Bulgarien, aber auch Portugal und Griechenland seien schneller aufgenommen worden. “Das wird als unfair empfunden”, sagte der Kardinal.
Nemet äußerte den Verdacht, “dass einige in der Europäischen Union froh sind, wenn junge, gut ausgebildete Menschen aus Serbien kommen, ohne dass Serbien selbst aufgenommen wird”. Dies sei “ein Spiel mit Menschen und ihren Lebensgeschichten”.
Mit Blick auf die anhaltenden Kundgebungen gegen die Regierung von Präsident Aleksandar Vucic sagte der Kardinal, Unsicherheit präge das Leben der Menschen sehr stark. “Viele haben das Gefühl, dass sie politisch loyal sein müssen, um überhaupt arbeiten zu können oder um keine Nachteile zu haben”, sagte Nemet. “Wenn man ständig darüber nachdenken muss, ob ein falsches Wort Konsequenzen haben könnte, erzeugt das großen Druck. Es gibt auch eine reale Angst vor Gewalt. Gewalt haben wir bereits erlebt.” Er hoffe sehr auf eine friedliche Lösung.
Auch die Konflikte der Vergangenheit wirkten noch nach. “Es ist noch keine Versöhnung erreicht, und sie wird auch nicht wirklich gesucht”, sagte Nemet. Kontroverse Sichtweisen gebe es etwa zum Genozid von Srebrenica, zum Kosovo oder zur Bombardierung Serbiens von 1999. “Wir leben im Schatten dieser Realitäten”, sagte Nemet. Die Menschen seien daran gewöhnt. “Gleichzeitig lebt man in dem Bewusstsein, dass jederzeit ein altes Problem wieder aufflammen kann”, so der Kardinal.
Der 1956 in der multiethnischen Vojvodina geborene Ordenspriester war unter anderem als Hochschulseelsorger auf den Philippinen sowie in kirchlichen Leitungsfunktionen in Wien und Ungarn tätig. Seit 2024 im Kardinalskollegium, nahm er als erster Vertreter aus Serbien im Mai 2025 im Vatikan an einer Papstwahl teil.