Junge Filmschaffende haben nach den Worten der Leiterin des Filmfestivals Max Ophüls Preis, Svenja Böttger, zurzeit Zukunftssorgen. „Der Markt ist derzeit äußerst angespannt, was dazu führt, dass sich viele Filmschaffende die Frage stellen, ob und wo sie überhaupt ihren Platz finden können“, sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Saarbrücken. Das Festival wolle ein Zeichen gegen diese Sorgen setzen. Saarbrücken zeige den Filmschaffenden, dass sie willkommen seien. Über die Branche hinaus gehe es auch darum, gesellschaftlich wieder mehr in den Dialog zu treten.
epd: Wie ist zurzeit die Stimmung unter jungen Filmschaffenden in Deutschland?
Svenja Böttger: Generell stellen sie sich momentan große Fragen: Wie sieht die Zukunft aus? Gibt es noch genügend Möglichkeiten, ein Debüt, einen zweiten oder dritten Film zu machen, die eigenen Geschichten zu erzählen? Wir sehen das zurzeit auch außerhalb des Kinos, weil sich 2024 der Fernseh- und Serienmarkt konsolidiert hat. Es gab eine Rezession und damit weniger Aufträge sowie Möglichkeiten. In Bezug auf Kinostarts für Talentfilme habe ich den Eindruck, dass die Anzahl der verfügbaren Slots zurückgeht – auch wenn ich das nicht empirisch belegen kann. Gleichzeitig agieren die Verleiher mit großer Vorsicht bei der Budgetvergabe. Der Markt ist derzeit äußerst angespannt, was dazu führt, dass sich viele Filmschaffende die Frage stellen, ob und wo sie überhaupt ihren Platz finden können.
epd: Wie sieht es auf dem Festival aus?
Böttger: Auf dem Festival versuchen wir, ein Zeichen gegen diese Sorgen zu setzen. Mit gut besuchten Kinosälen und einem neugierigen Publikum schaffen wir eine Bühne, die Filmschaffenden zeigt, dass es ein großes Interesse an ihren Geschichten und Handschriften gibt. Deswegen erlebe ich auf dem Festival gerade eine sehr euphorische Stimmung. Die Filmschaffenden sagen „cool, ich werde gesehen, ich darf meine Geschichte erzählen, meine Meinung haben“. Sie wissen dadurch: Der Weg bis zur Premiere hat sich gelohnt und sie haben auch Lust weiterzumachen.
epd: Was macht Ihrer Meinung nach das Filmfestival Max Ophüls Preis aus?
Böttger: Max Ophüls verkörpert die Entdeckungen und die Innovationskraft des deutschsprachigen Nachwuchskinos. Das Filmfestival lädt dazu ein, in Welten, Figuren und Geschichten einzutauchen und sich inspirieren zu lassen. Es bietet ein gemeinsames Erlebnis und eine schöne Mischung aus Kunst, Kultur, Erlebnis und Unterhaltung.
epd: Und die Branche arbeitet gemeinsam an Lösungen.
Böttger: Das Schöne ist, dass wir ein Publikums- und ein Branchenfestival sind. Während der Festivalwoche in Saarbrücken sind viele Filmschaffende mindestens zwei oder drei Tage hier und haben die Möglichkeit, sich gegenseitig kennenzulernen und über ihre Themen ins Gespräch zu kommen. Und wir als Teil der Branche haben auch die Möglichkeit, uns auszutauschen und zeigen, dass großes Interesse daran besteht, wie wir arbeiten. Dabei sollten wir uns nicht nur zuhören, sondern auch aktiv aufeinander zugehen und gemeinsam reflektieren: Wohin wollen wir uns entwickeln? Wie wird das Kino in zehn Jahren aussehen? Wie wird sich das Filmemachen verändern? Wie sieht die Kunst aus?
epd: Wie nehmen Sie die Menschen in Saarbrücken wahr?
Böttger: Die Stadt putzt sich heraus und es wird viel dekoriert. Saarbrücken sendet den Filmschaffenden die Botschaft: Wir sind neugierig, aufgeschlossen und voller Begeisterung. Diese Atmosphäre nehmen die Nachwuchsfilmschaffenden sehr positiv auf. Sie spüren, dass sie hier willkommen sind und sich frei entfalten können. Das hilft auch mit ihren Zukunftsängsten umzugehen, ohne sich davon lähmen zu lassen. Stattdessen erfahren sie Hoffnung und erkennen Möglichkeiten und merken, dass Angst nie ein guter Ratgeber ist.
epd: Bei der Eröffnung der diesjährigen Ausgabe haben Sie betont, dass man gerade durch das Kinoerlebnis und das anschließende Filmgespräch besonders gut wieder in einen Dialog treten könnte. Warum klappt das dort?
Böttger: Es ist ein gemeinsames Erlebnis: Man sitzt mit anderen Menschen im Kinosaal, teilt dasselbe Erlebnis und dennoch empfindet und interpretiert jeder es auf seine persönliche Weise. Das anschließende Filmgespräch gibt durchs Zuhören und Fragenstellen die Möglichkeit, andere Perspektiven und Sichtweisen kennenzulernen. Es wird auch deutlich, welche Motivation die Filmschaffenden bei ihrem Werk hatten. Viele nehmen dadurch einiges für sich mit. Ich sehe darin eine sehr große Chance. Denn wir können ein Bildungsangebot schaffen, in dem es darum geht, wie man Filme macht, wie man mit Bildern umgeht und was Bilder und Sound bewirken. Es geht nicht nur um die Botschaft eines Films, sondern auch darum, wie sie vermittelt wird und welche Verantwortung mit der Gestaltung von Bewegtbild einhergeht.
epd: Am 1. Januar ist das neue Filmförderungsgesetz in Kraft getreten. Wie bewerten Sie es?