Die späten 1960er und die 70er Jahre waren für die US-amerikanische Filmindustrie eine Zeit des Umbruchs – vielleicht die wichtigste nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Studios waren mit dem Siegeszug des Fernsehens konfrontiert, der gesellschaftliche Wandel führte zu neuen Themen und neuen Erzählformen. Es war die Ära des „New Hollywood“. Unter den Regisseuren jener Jahre war Robert Altman sicherlich der mutigste, eigenwilligste und provokativste. Einer, der immer wieder die konventionellen Regeln fürs Erzählen im Hollywoodkino infrage stellte. Vor 100 Jahren, am 20. Februar 1925, kam er in Kansas City zur Welt.
Altman sezierte mit Ironie und Sarkasmus die amerikanische Gesellschaft und ihre Verwicklungen. Schon der Film, der ihn auch international bekannt machte, „MASH“ aus dem Jahr 1970, war eine bittere Satire, die nur auf den ersten Blick wie eine Militärklamotte daher kam.
15 anderen Regisseuren soll das Projekt um drei Chirurgen (Donald Sutherland, Elliott Gould, Tom Skerritt) im Krieg angeboten worden sein. Die Produzenten hatten verlangt, die Handlung im Koreakrieg anzusiedeln – und nicht im Vietnamkrieg, gegen den Amerikas Jugend zu jener Zeit protestierte. Aber natürlich zielte „MASH“ auf die damals gegenwärtigen Kämpfe in Asien, und mit seinem bärbeißigen, durchaus auch zotigen Humor auf den Wahnsinn des Krieges.
In „The Player“ (1992), fast ein Vierteljahrhundert später, nahm Altman sich das Hollywood-Business der frühen 90er vor. Tim Robbins spielt einen skrupellosen Filmproduzenten, der sich von einem Drehbuchautor verfolgt sieht. Die Filmszene gleicht einem Haifischbecken, in dem jeder nur nach seinem kommerziellen Potenzial beurteilt wird und in dem Korruption herrscht. Man kann den Film natürlich auch als eine Satire auf den Kapitalismus sehen. Doch er funktioniert ebenso als eine – wenn auch böse – Hommage an die Traumfabrik.
Robert Altman war übrigens selbst ein Kind der Industrie, gegen die er immer wieder rebellierte. Von 1956 bis 1964 arbeitete er für das Fernsehen, Altman hat Episoden von TV-Serien wie „Bonanza“ oder „Alfred Hitchcock präsentiert“ in Szene gesetzt.
„The Player“ war ein Ensemblefilm, in dem Julia Roberts, Burt Reynolds, Cher, Harry Belafonte, Jack Lemmon, Andie MacDowell und Bruce Willis sich selbst spielten. Solche Multipersonenfilme, in denen einzelne Geschichten sich kreuzen und überlagern, waren eine Spezialität von Robert Altman. Er hat sie von „Nashville“, seinem Film über die US-amerikanische Country-Szene, über „Eine Hochzeit“ bis hin zu „Gosford Park“ (2001) kultiviert, einem Werk über die britische Klassengesellschaft der 30er Jahre.
Am besten gelungen ist ihm das vielleicht in „Short Cuts“, nach Kurzgeschichten von Raymond Carver. Der Film gewann 1993 den Goldenen Löwen in Venedig. Das komplexe Geflecht von Handlungssträngen entwickelt sich zu einem Sittenbild US-amerikanischen Lebens Ende des 20. Jahrhunderts. „Prêt-à-Porter“ im Jahr darauf wurde ein Kinoerfolg, ein Film aus der Modewelt.
Robert Altman liebte die Dekonstruktion und das Experiment. Wenn er sich eines Genres bediente, dann hat er es gewissermaßen neu zusammengesetzt. Dem Film Noir aus Hollywoods klassischer Studiozeit huldigte er in „Der Tod kennt keine Wiederkehr“, der Verfilmung des letzten Romans von Raymond Chandler. Die Detektivfigur Philip Marlowe wird bei ihm eher zu einer Karikatur, die Handlung bleibt undurchschaubar, und Gut und Böse sind nicht mehr zu unterscheiden.
Er hat auch zwei Western inszeniert. „McCabe & Mrs.Miller“ mit Warren Beatty und Julie Christie ist der schönste revisionistische Western, der je gedreht wurde – und das Genre hat da einiges über sich ergehen lassen müssen. Es ist ein Film über das Geschäftemachen, in dem ein Unternehmer sich in Sachen Bordell- und Spielbetrieb versucht und scheitert. Immer regnet es in diesem Film, dessen Hauptfigur ein eher schwacher Held ist. Zur melancholischen Grundstimmung tragen auch die Lieder von Leonard Cohen bei. Und in seinem zweiten Western „Buffalo Bill und die Indianer“ mit Paul Newman – der den verwegenen Originaltitel „Buffalo Bill and the Indians, or Sitting Bull’s History Lesson“ trägt – bleibt vom Western nur noch eine Show, die die Schlacht am Little Big Horn nachstellt.