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Manipulativ und beschönigend: “Sondervermögen” ist Unwort des Jahres

Rund 2.600 Vorschläge für das Unwort des Jahres gingen ein. Das Ranking sieht sich als Protest gegen den Missbrauch von Sprache. Jetzt hat die Expertenjury entschieden.

Das Unwort des Jahres 2025 lautet “Sondervermögen”. Der Begriff sei manipulativ und irreführend, kritisierte die Unwort-Jury am Dienstag in Marburg. Der fachsprachliche Begriff sei beschönigend und versuche, seine eigentliche Bedeutung zu verschleiern: nämlich das Schuldenmachen. Mit “Vermögen” verbänden die meisten Bürger etwas Positives und keineswegs eine Verschuldung, so die Sprachexperten und -expertinnen.

Wer den Begriff nutze, behindere die offene Debatte darüber, ob die Aufnahme von Schulden nötig ist, kritisierten die Sprachwissenschaftler: “Verständlichkeit und Aufrichtigkeit werden hinsichtlich der aufgenommenen Schulden vermieden.”

Der Begriff “Sondervermögen” bezeichnet im Blick auf die Staatsfinanzen einen Neben- oder Schattenhaushalt. Dieser Extrahaushalt umfasst genau definierte Sonderausgaben. In der Regel sind Sondervermögen durch Extraschulden finanziert. Diese tauchen dann nicht im normalen Haushaltsplan auf. Derzeit gibt es beispielsweise das “Sondervermögen Bundeswehr” (100 Milliarden Euro) und das “Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität” (500 Milliarden Euro).

Auf den zweiten Unwort-Platz wählte die Sprachjury den Begriff “Zustrombegrenzungsgesetz”. Die Bezeichnung nutze ein Wasser-Sprachbild (“Zustrom”), um Zuwanderung als massenhaften Prozess abzuwerten. Die einzelnen Flüchtlinge würden dadurch entmenschlicht und als anonyme Masse dargestellt, kritisierten die Experten. Wenn nun sogar eine Gesetzesbezeichnung dieses Sprachbild nutze, werde diese Form der Diskriminierung sogar institutionalisiert. Die Unwort-Jury verwies auf weitere Begriffe, die ähnlich wirkten, wie “Flüchtlingsstrom”, “Asylantenflut” oder “Asyltsunami”.

In den vergangenen Monaten waren rund 2.600 Vorschläge eingegangen. Die Jury wählte unabhängig von der Zahl der Einsendungen den aus ihrer Sicht prägnantesten Begriff aus. Unter den mehrfach eingesendeten Begriffen waren beispielsweise “Friedensangst”, “Stadtbild”, “Ladeerlebnis” und “kriegstüchtig”.

Mit der Aktion wollen die Initiatoren auf unangemessene und menschenverachtende Sprache aufmerksam machen. Vor einem Jahr fiel die Wahl auf das Wort “biodeutsch”, weil der Begriff in rassistischer und nationalistischer Weise gebraucht werde. Die Aktion läuft seit 1991. Das erste Unwort des Jahres lautete damals “ausländerfrei”.

Zur Jury gehörten in diesem Jahr Sprachwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen von den Universitäten Magdeburg, Wien, Kassel und Marburg sowie zwei Journalisten. Als Jury-Gastmitglied hatte der Journalist Ronen Steinke ein Sondervorschlagsrecht für ein persönliches Unwort des Jahres.

Er entschied sich für den Begriff “Umsiedlung”. Israelische und US-amerikanische Politiker hätten das Wort genutzt, um eine “Umsiedlung” der Menschen im Gazastreifen zu diskutieren. “Was klingt wie eine Wohltat, verschleiert ein Verbrechen. Eine ‘Umsiedlung’ unter vorgehaltener Waffe nennt man im Völkerrecht gemeinhin eine Vertreibung”, kritisierte die Jury.

Inzwischen gibt es mehrere Wort-des-Jahres-Aktionen. Jährlich werden beispielsweise auch das Wort, das Jugendwort und der Sprachpanscher des Jahres gekürt. Im Dezember wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff “KI-Ära” zum “Wort des Jahres 2025” – und verwies auf die revolutionären gesellschaftlichen Veränderungen durch Künstliche Intelligenz.