Nur ein kleiner Schriftzug auf einem Tor an der viel befahrenen Richard-Bell-Straße in Kameruns Hafenstadt Douala gibt einen Hinweis: Hier ist, im Hinterhof vom Hinterhof, „The Forest/Creative Loft“ zu Hause. Ein künstlerisches Kollektiv und Café mit sozialer und politischer Mission.
Inmitten der pulsierenden Wirtschaftsmetropole des zentralafrikanischen Landes haben Chantal Edie Ntube und ihr Ehemann Zacharie Ngnogue unter riesigen tropischen Bäumen den unkonventionellen Treffpunkt geschaffen. „Wir möchten Kunst als Instrument für sozialen Wandel nutzen“, sagt Ntube. Als Kuratorin, Fotografin und Autorin ist sie in Kameruns künstlerischer Szene eine bekannte Größe. Die Aufgabe, die sie sich mit ihrem Mann gesetzt hat, ist dennoch groß. Denn seit Jahren drücken das Land mehrere interne Krisen.
„Wir Kamerunerinnen und Kameruner kämpfen jeden Tag mit einem Alltag voller Herausforderungen“, sagt Ntube. Das gilt sozial und wirtschaftlich ebenso wie politisch. Seit Jahren leidet Kamerun unter wirtschaftlicher Stagnation, diversen Sicherheitskrisen und einer hohen Armut bei einer sehr jungen Bevölkerung. Hoffnungen auf die Politik sind zermürbt. Seit 43 Jahren wird Kamerun von Präsident Paul Biya regiert. Erst im Oktober ließ sich der 92-Jährige für weitere sieben Jahre im Amt an der Staatsspitze bestätigen.
Es war ein Wahlergebnis, das auch in Douala – bekannt als Oppositionsstadt – Proteste auslöste. Dass überhaupt protestiert wurde, offenbart, wie groß der Unmut über die politischen Missstände ist. Denn dass die Sicherheitskräfte mit äußerster Brutalität vorgehen können, haben diese in der Vergangenheit immer wieder gezeigt. Einschüchterung ist regelmäßig ein Mittel, um in dem autokratisch regierten Land für Ruhe zu sorgen.
Den politischen Spannungen zum Trotz, oder vielleicht auch gerade deswegen, haben Ntube und Ngnogue in Douala ihr Künstlerkollektiv ins Leben gerufen. Seit 2020 bietet es einen Ort und eine Chance, ins Gespräch zu kommen und gemeinsam Visionen zu verfolgen. „Kunst kann Brücken bauen“, sagt Chantal Edie Ntube, „und die brauchen wir dringend.“
Entsprechend finden im „The Forest/Creative Loft“ wechselnde Ausstellungen, gesellschaftskritische Diskussionsveranstaltungen, Konzerte, Poetry Slams und weitere Kulturformate statt. Regelmäßig steht dabei auch die sogenannte anglophone Krise im Zentrum – der Konflikt zwischen Separatisten in den englischsprachigen Regionen Kameruns und Regierungstruppen, der zu Vertreibung, Gewalt und Menschenrechtsverletzungen geführt hat.
Aufgewachsen in der Nähe der Stadt Bamenda, gehört Ntube zur englisch sprechenden Minderheit in dem ansonsten französischsprachigen Land. Dass es in Kamerun überhaupt anglophone Regionen gibt, ist eine Folge der kolonialen Geschichte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das damalige Deutsch-Kamerun zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt. Während Frankreich den Großteil des Territoriums übernahm, verwaltete Großbritannien zwei kleinere Gebiete im heutigen Nordwesten und Südwesten des Landes. Diese historisch bedingte Teilung – sprachlich und politisch – wirkt bis heute nach.
Koloniale Grenzziehungen, politische Marginalisierung, ungleiche staatliche Investitionen und die jahrzehntelange Ignoranz der Regierung in Jaunde gegenüber Sprache und Kultur der anglophonen Bevölkerung hatten über Jahre Spannungen aufgebaut. 2016 eskalierten diese, als die Regierung französischsprachige Lehrkräfte und Anwälte in die englischsprachigen Regionen entsandte.
Das empfanden viele als weiteren Beleg kultureller Missachtung. „Am Anfang demonstrierten Lehrkräfte und Anwaltschaft dagegen, dann schlossen sich die Taxifahrer an und so ging es immer weiter“, sagt der Menschenrechtsanwalt Agbor Balla. Die Regierung reagierte mit massiver Repression und aus ursprünglich zivilen Forderungen entwickelte sich ein bewaffneter Konflikt zwischen der kamerunischen Armee und Separatisten im früher britischen Teil Kameruns, die ein unabhängiges „Ambazonien“ fordern.
Fast zehn Jahre später wird immer noch gekämpft. Die politischen Ziele sind in den Hintergrund gerückt. Stattdessen findet sich die Bevölkerung im Kreuzfeuer zwischen der Armee und den Rebellen wieder, die Entführungen gegen Lösegeld zur Einkommensquelle gemacht haben. Wer könne, verlasse die Konfliktregionen, sagt Balla. Wer geblieben sei, sei erschöpft.
Umso wichtiger sind Orte des Austauschs, wie Chantal Edie Ntube betont. Sie ist überzeugt, dass gemeinsames kreatives Wirken eine entscheidende Rolle bei der Bewältigung der Krise und der Förderung des Dialogs spielen kann. Nicht zu laut, nicht zu konfrontativ, sondern über Kunst, Gespräche und gemeinsames Erleben.