Schon seit mehr als 80 Jahren ist der selige Pater Rupert Mayer (1876-1945) tot. Doch an seinem Grab in der Münchner Innenstadt finden sich immer Beter. Auch der Kabarettist Christian Springer schaut regelmäßig vorbei.
“Der liebe Gott hat es mit mir sehr gut gemeint, denn er hat mir eine wunderschöne Jugend gegeben. So schön und freudig, wie es wohl selten Kinder beschieden sein kann.” Dankbar blickte Pater Rupert Mayer am 1. Mai 1939 zurück. Ein Jubiläum galt es zu begehen. Seit 40 Jahren war der Jesuit Priester: Im Ersten Weltkrieg hatte er als Feldseelsorger ein Bein verloren, seither setzte er sich dennoch weiter als “15. Nothelfer Münchens” für die Seelsorge und sozialen Belange der Menschen ein. Vor allem aber trat der Ordensmann dem Ungeist der Nationalsozialisten entgegen. Am 23. Januar ist es 150 Jahre her, dass er in Stuttgart zur Welt kam.
Hineingeboren wurde Mayer in eine katholische Kaufmannsfamilie. Sein Vater stammte aus dem Hochschwarzwald, die Mutter aus Pforzheim. In die württembergische, protestantisch geprägte Residenzstadt hatte es das Paar aus beruflichen Gründen verschlagen. Dort übernahmen die Mayers ein Haushaltswarengeschäft und bauten es erfolgreich aus. Rupert wuchs mit einem Bruder und vier Schwestern in einem religiösen und weltoffenen Elternhaus auf.
Früh war Mayer Ministrant. Das Lernen fiel dem Jungen nicht leicht, dennoch zeichnete ihn Fleiß aus. Zu seinen Hobbys gehörten Reiten und Schwimmen. Wie die Geschwister erlernte er ein Instrument, die Geige.
Nach dem Abitur studierte Mayer ab 1894 Theologie im schweizerischen Fribourg, in München und Tübingen. Am 2. Mai 1899 folgte die Priesterweihe in Rottenburg, im Oktober 1900 begann er sein Noviziat bei den Jesuiten. Diese schickten ihn zwölf Jahre später als Seelsorger nach München. “Bis zu 3.000 Männer und Frauen strömten damals jeden Monat in die Großstadt auf der Suche nach Arbeit – und waren Ausbeutung und Not ausgesetzt”, erzählt sein Nachfolger im Amt des Präses der Marianischen Männerkongregation, Pater Karl Kern: Pfarreien und kirchliche Gruppen sollten ihnen eine Heimat bieten. Heute ist Mayer der Patron der Münchner Caritas.
Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete sich der Jesuit freiwillig, um als Feldseelsorger den Soldaten zur Seite zu stehen. Eine Granate traf ihn so, dass sein linkes Bein amputiert werden musste. Hochdekoriert mit Orden kehrte er 1917 nach München zurück – und stand plötzlich mitten in den politischen Umwälzungen. Als Priester an der Kleidung erkennbar, besuchte der Jesuit bewusst Versammlungen von Kommunisten und Nationalsozialisten. Er war durchaus Patriot, doch seine Vaterlandsliebe sei in ein universales katholisches Bewusstsein eingebettet gewesen, wie Kern betont.
Der Ordensmann predigte unerschrocken gegen den Ungeist der Nationalsozialisten, auch als diese an die Macht gekommen waren. Ein deutscher Katholik könne niemals Nationalsozialist sein, war seine Überzeugung. Im April 1937 bekam er prompt ein Rede- und Predigtverbot, am 5. Juni folgte seine Verhaftung. Ein Sondergericht verurteilte den Pater, dennoch kam er im Juli wieder frei. Im Januar 1938 wurde er wegen seiner Predigttätigkeit erneut verhaftet und bis Mai in Landsberg am Lech inhaftiert. Die dritte Verhaftung geschah im November 1939, weil er sich weigerte, Auskunft über seine Seelsorgegespräche zu geben.
Die Nazis ließen den Jesuiten ins KZ Sachsenhausen bringen, wo sich sein Gesundheitszustand verschlechterte. Um aus ihm keinen Märtyrer zu machen, entschieden sie im August 1940, den Pater nach Ettal zu schicken. Bei den Benediktinern hielt Mayer sich bis Kriegsende auf mit dem Gefühl, “lebend ein Toter zu sein”. Als er im Mai 1945 nach München zurückkehren durfte, war er sofort wieder für die Menschen da. “Heute würde man ihn einen Workaholic nennen”, sagt Kern. Es sei bewundernswert, wie er immer neue Kraft gefunden habe und liebenswürdig geblieben sei.
Als der 69-Jährige an Allerheiligen 1945 in der Kreuzkapelle der Münchner Michaelskirche den Acht-Uhr-Gottesdienst feierte, sprach er die Worte: “Es ist der Herr.” Zweimal noch war leise “der Herr, der Herr” zu vernehmen, dann konnte Mayer nicht mehr. Ein Gehirnschlag hatte ihn ereilt, an dem er wenig später in einer Klinik starb. Seine Holzprothese hielt den Pater am Altar. Selbst im Tod sei er nicht umgefallen, rühmten die Münchner fortan ihren “Sozialapostel”.
Seit bald 80 Jahren befindet sich das Grab des Ordensmannes, den Papst Johannes Paul II. 1987 selig sprach, in der Unterkirche des Münchner Bürgersaals. Viele empfinden diesen Ort als Oase in der hektischen Fußgängerzone.
Auch der Kabarettist Christian Springer gehört zu jenen Menschen, die regelmäßig “bei ihm kurz einbiegen”. In seinem Reisepass liege stets ein Bild des Paters. An diesem könne man sehen, “dass es immer einen ‘anderen’ Weg gibt als die ausgetretenen Pfade”. Ebenso sei die Unterstützung von Bedürftigen immer möglich, selbst wenn es schwierig sei. “Daraus kann man lernen”, findet Springer, der mit seinem Verein “Orienthelfer” selbst viel Gutes tut.