Hamburg. Zwei Männer schlafen auf den Kirchenbänken. Sie werden von der leisen Gitarrenmusik nicht geweckt. Vorn im Kirchenschiff steigt Weihrauch aus einem kleinen Becken auf. Nacheinander gehen Menschen dorthin, um ein Fürbitte-Gebet zu sprechen – manche nur innerlich, andere äußern sich laut und deutlich. Rund 20 Obdachlose und Bedürftige aus Hamburg haben sich in der katholischen St.-Ansgar-Kirche zusammengefunden: Es ist das monatliche Treffen der Gruppe „Fratello“. Zuletzt kam auch Horst Eberlein, Weihbischof des Erzbistums Hamburg, und sprach mit den Teilnehmern.
"Fratello" – das Wort ist italienisch und bedeutet auf Deutsch „Bruder“. Der Name der Gruppe hat denn auch mit einer Pilgerreise nach Italien zu tun: Vor etwa einem Jahr hatte Papst Franziskus 6000 Menschen aus ganz Europa eingeladen, die in schwierigen Lebenssituationen sind. Darunter befanden sich auch rund 70 Menschen aus Hamburg, die obdachlos sind oder waren, begleitet von 30 Helfern. Er empfing sie im Vatikan und feierte einen Gottesdienst auf dem Petersplatz mit ihnen.
Obdachlose können Initiative ergreifen
Doch mit der Rückkehr nach Deutschland war die Reise nicht ganz zu Ende: „Die Teilnehmer wollten unbedingt, dass es weitergeht“, erinnert sich Pater Jan Roser. Der Leiter der Katholischen Akademie Hamburg hatte die Wallfahrt zum Papst gemeinsam mit weiteren kirchlichen Einrichtungen, unter anderem dem Caritasverband und der Diakonie Hamburg, organisiert. Seither treffen sich Menschen am Rande der Gesellschaft einmal im Monat in der St.-Ansgar-Kirche, um sich an die Reise zu erinnern, aber vor allem auch, um sich gegenseitig zuzuhören, gemeinsam zu beten, aus der Bibel zu lesen und etwas zu essen. Es ist ein offenes Angebot; jeder ist willkommen. Das Treffen ist mittlerweile so beliebt, dass manche der Teilnehmer fordern, künftig sollte das Angebot wöchentlich stattfinden.
„Wir wollten keine weitere Suppenküche anbieten, obwohl es bei den ‚Fratello‘-Treffen stets etwas zu essen gibt“, so Roser. Ihm gehe es darum, den Bedürftigen eine Möglichkeit zu bieten, selbst und aus der Gemeinschaft heraus eine Initiative zu ergreifen, um etwas an ihrer Situation zu ändern. Sieben Mal hat sich die Fratello-Gruppe in diesem Jahr getroffen. „Für manche Obdachlose hat sich auch tatsächlich fundamental etwas geändert“, berichtet der Pater. Man sei auch nicht bei der Reise nach Rom stehengeblieben, sondern habe auch andere Themen gemeinsam betrachtet – beispielsweise den G20-Gipfel oder das Winternotprogramm.